Meinung

Gut. Mit Abschlägen.

Ich kann den Hype um das aktuelle Kennerspiel des Jahres nicht nachvollziehen. Wobei Flügelschlag auch mich in seinen Bann zieht. Warum, kann ich allerdings nicht genau sagen.

11. NOVEMBER 2019

Natürlich muss man sich als Erstes vergegenwärtigen, womit man es zu tun hat. Flügelschlag ist ein Kennerspiel. Für den Genuss setzt das nicht nur eine gewisse generelle Spielerfahrung voraus. Man muss auch bereit sein, Komplexeres durchzudenken, um zum Ziel = Sieg zu gelangen.

 

Ich finde die Vogeltränke billig und kitschig.

 

Nur: Genau Zweites macht einem Flügelschlag schwer, ja eigentlich unmöglich. Der Grund ist die Masse an Vogelkarten. 170 sind es. Das sind mindestens einige Dutzend zu viele. Denn: Da bricht der Zufall durch. Als Spieler kann ich mich nicht einigermaßen darauf verlassen, hin und wieder doch eine wirklich nützliche Vogelkarte nachzuziehen. Und nützlich heißt, Vogelkarten zu ergattern, die meinen Spielzielen – vor allem bei Rundenzielen und Bonuskarte(n) – entgegenkommen.

Sowohl einige unserer Testspieler als auch ich selbst haben es gezielt mit unterschiedlichen Strategien versucht. Einmal auf Eier zu setzen, einmal auf besonders wertvolle Vögel usw. Keine davon hat sich als „richtig“ erwiesen. Eine Vielfalt an möglichen Wegen darf man prinzipiell als Pluspunkt vermerken, wenn sie sich allerdings nicht als durchsetzbar erweisen, dann stimmt etwas nicht. Dann bleibt es unbefriedigend. Man gewinnt vielleicht die Partie, aber kann nicht konkret benennen, warum. Nochmals gesagt: Die vielen, vielen Vogelkarten machen Flügelschlag zwar wertig, vernebeln jedoch das Ganze. Um den Grad der Wahrscheinlichkeit übersdchaubar zu halten, wäre weniger mehr gewesen.

Mein anderer Kritikpunkt bei Flügelschlag ist die Spielanleitung. Aufgeteilt auf zwei großformatige Hefte, bei denen nicht sofort zu erkennen ist, wie und warum die beiden so strukturiert sind, machen es Erstspielern anfangs nicht einfach. Da gäbe es genug Vorbilder von anderen Verlagen, wie man komplexe Spiele konstruktiver erklärt.

Nichts desto Trotz: Flügelschlag ist ein gutes Spiel. Nicht der Überflieger, wie die Jury Spiel des Jahres es wörtlich bezeichnete und es deshalb ausgezeichnet hat. Gut, weil es fesselt. Die einen sind von Material und Gestaltung begeistert. Für mich sackt im Vergleich zum Rest die Vogeltränke ab, ich finde sie billig und kitschig. Und die zu schmale Leiste „Vogel spielen“ an der Oberkante des Spielertableaus hat noch jeden unserer Testspieler verwirrt, weil diese Aktion dergestalt anfangs nicht richtig wahrgenommen wird. Die anderen zieht die Spielmechanik in den Bann, auch wenn es mit fortschreitender Dauer immer mechanischer wird, die Lebensräume von rechts nach links abzuarbeiten. Aber gerade dieses Abarbeiten bringt die direkten Erfolgsmomente bei Flügelschlag. Sie sind fürs Spielgefühl wichtig und gefallen den meisten Spielern.

Genau festzumachen, warum das Kennerspiel des Jahres trotz aller Einwände toll zu spielen ist, bleibt schwierig. An Interaktion mit den Mitspielern liegt es jedenfalls nicht. Es ist eigenbrötlerisch. Aber vielleicht ist es ja gerade das. Am Ende hat jeder das Gefühl, bei allen Widrigkeiten doch das Beste aus der Sache gemacht zu haben.

 


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