"So ein Malefiz-Kerl!"

Ravensburger/Werner Schöppner: Das Original Malefiz-Spiel®

 

Praktisch immer "das Gesicht gewahrt": Verschiedene Ausgabe von Das Malefiz-Spiel von 1960 bis heute. 

 

Am 17. März 1960 hat Ravensburger sein mittlerweile zum Klassiker gewordene Würfellaufspiel auf der Nürnberger Spielwarenmesse vorgestellt. Sein ungewöhnliches und für damalige Verhältnisse sogar anstößiges Cover verrät: Hier treffen unterschiedlichste Typen auf gleicher Augenhöhe zusammen. Alle mit dem einen Ziel, sich gegenseitig Steine in den Weg zu legen.

Politisch unkorrekt

Eigentlich ist Malefiz® politisch unkorrekt: Es verwandelt friedfertige Zeitgenossen in hinterhältige Banditen. Auf dem gemeinsam benutzten Parcours blockieren sie andere, was das Zeug hält. Gnadenlos. Schadenfroh. Auch mal paktierend. Das ist so gemein wie aufregend - und sicherlich das Geheimnis, warum der Brettspielthriller auch 50 Jahre nach Erscheinen ein bewährtes Mitglied der Ravensburger Programmfamilie ist.

Zwei Ideen unterscheiden das Spiel von traditionellen Laufspielen: Die eigenen Figuren laufen nicht stoisch in eine Richtung, sie können auch seitwärts und rückwärts gehen und aufdringliche Verfolger an den Start zurück befördern. Und: Hindernissteine versperren den Weg zum Ziel. Man kann sie nur mit der passenden Augenzahl beiseite würfeln. Doch statt die kleinen, weißen Barrikaden einfach aus dem Spiel zu nehmen, setzt man sie anderen vor die Nase. Des einen Freud, des anderen Leid.

Von zwei Verlagen abgelehnt

 

Autor des Spiels: Werner Schöppner aus Essen (1925-1965)

 

Erfinder des Spiels war Werner Schöppner, Angestellter in einer Essener Großbäckerei. Der damals 26-Jährige bot seine Idee unter dem Titel "Räume oder Warte!" drei Verlagen an. So stolz wie unbeholfen formulierte er: "Ich habe ein Unterhaltungsspiel entwickelt, selbst gefertigt, und mit vielen Leuten gespielt. Das Spiel ist für alle Bevölkerungsschichten und Altersstufen in gleicher Weise nervenaufreibend spannend."

Die eine Firma fand das Schreiben keiner Antwort wert, die nächste ließ wissen, so etwas passe nicht ins Programm. Aus Ravensburg erhielt Schöppner die Aufforderung, einen Spielplan für einen Test zu schicken. Karl Maier, der damalige Firmenleiter und Sohn des UnternehmensgründersOtto Maier, probierte das Spiel im Familienkreis und kam unverhofft auf den späteren Titel. Als er seiner Frau wieder mal den Weg verbaut hatte, schimpfte die: "Ja, du bist doch ein Malefiz!" – ein Name, der Programm war: Ein "Malefizkerl" ist laut Lexikon ein "Teufelskerl", der vor einer "gelegentlichen Missetat" (lat. maleficium) nicht zurückschreckt. Also einer, der einen ganz schön aufregen kann.

Denn wo im wahren Leben die Maxime Rücksicht heißt, darf man bei Malefiz® ungestraft gemein sein. Man muss sogar: Wer allzu bescheiden nur auf den eigenen Weg schaut, ist bald abgehängt. Also: Immer schön den lieben Mitspielern den Weg verbauen. Und vor allem dem vorauseilenden Konkurrenten, der die Partie gleich beenden könnte. Schnell noch ein, zwei Steine vor seine Füße werfen …

Babyboomer trafen Großeltern

 

  Das Malefiz-Spielbrett ist wie die Schachtillustration ein Klassiker. Hier die Seite für vier Spieler. Dem Titel wurde später das Prädikat "Original" hinzugefügt.
 
Bilder: Ravensburger
 
  Es gab immer wieder einmal größere und kleinere bzw. thematische Ausgaben. Und auch die Moderne wurde bemüht, 1982 mit dem völligen Weglassen jedes Zierrats.
 
Bild: Europäische Spielesammlergilde
   

Der Salzburger Spielforscher Rainer Buland erklärt den Reiz dieses Spiels mit der "Schadenfreude, die jeder an sich beobachten kann, wenn es darum geht, dem anderen ein Haxl zu stellen". Außerdem lautet der vielleicht triftigere Grund: "Wir dürfen das auch – und es hat keine schwerwiegenden Folgen."

Dass dieses hundsgemeine Spiel gerade Anfang der 70er einen wahren Boom erlebte und sich Jahr für Jahr weit über hunderttausend Exemplare verkauften, hat Professor Buland zufolge einen einfachen Grund: "Die Babyboomgeneration der 60er kam in ein Alter, in dem sie mit den Großeltern Brettspiele spielen konnten" – die Eltern kannten kaum welche. Das Prinzip von Malefiz® wiederum entsprach dem, was die Senioren noch aus ihrer Zeit kannten. Gleichzeitig war es einfach genug, dass es auch jüngere Menschen schnell verstehen konnten. Buland nennt außerdem einen sozialpsychologischen Grund: "Es war die Zeit, in der man in einer Leistungsgesellschaft wieder vermehrt auf Ellenbogentechnik setzte. Kompetitive Spiele erlebten eine Renaissance."

Ein Cover, das ehrbare Leute erboste

Ein solch streitbares Spiel brauchte auch eine passende Titelgestaltung. Der niederländische Grafiker Jan van Heusden hatte damals ein Bild entworfen, das "viele Betrachter heftig schockierte", wie Erwin Glonnegger, ehemaliger Programmchef des Ravensburger Spieleverlages, bemerkte: Ein Räuber mit Pistole, schwarzem Hut, grimmigem Blick und einem gezwirbelten Schnauzbart; an seiner Seite jene Dame mit dem – für damalige Verhältnisse – tiefen Dekolleté; ein rauschebärtiger Professor mit Brille und seine brave Enkelin – das ging vielen zu weit. Aber dieses Titelbild war entscheidend für den Erfolg und hat bis heute seinen Reiz behalten. "Es verbindet auf ideale Weise spannende Dramatik, künstlerische Qualität und signalisiert die wichtigsten Produktinformationen: spannend, interessant, geeignet für vier Personen jeden Alters und Geschlechts." – so die Bewertung Glonneggers.

Wegbereiter für modernes Marketing

 

So sieht die aktuelle Ausgabe aus.

 

Davon überzeugte Karl Maier die deutschen Spielefreunde gerne persönlich. Der Unternehmer fuhr in die großen Spielwarengeschäfte der Republik, schickte – als erster bundesweit - Mitarbeiter zu Verkaufsschulungen in die Läden, versandte hunderttausende Prospekte, gelangte in die größten Spielwaren-Kataloge. Der Erfolg war überwältigend: Kaum waren im August 1960 die ersten achttausend Exemplare hergestellt und ausgeliefert, war das Spiel vergriffen. Den damaligen Klassiker Fang den Hut!, schon seit 1927 ein Top-Seller, hatte es schon bald überholt.

Nervenkitzel rund um die Welt

Nach 20 Jahren waren bereits 3,5 Millionen Exemplare weltweit verkauft worden, heute
sind es über fünf Millionen. Ein Erfolg, den nur wenige Brettspiele verbuchen können. In Deutschland sind auch thematische Ausgaben, etwa mit Disney- und SpongeBob-Charakteren herausgegeben worden. Lizenzausgaben erschienen in den USA unter dem Titel Obstruction, in den Niederlanden, in Schweden und Frankreich unter dem Namen Barricade. Bis heute hat das Malefiz® in vielen Ländern der Erde seinen Nervenkitzel behalten.

 

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