Lesezeichen: Randolph-Buch

NEUERSCHEINUNG Acht Jahre nach seinem Tod beleuchtet ein Buch Leben und Werk des Spieleautors Alex Randolph. Es ist ein außergewöhnliches Buch geworden, das zu ihm passt. Dass darin nicht sämtliche Geheimnisse des Kosmopoliten gelüftet werden (konnten), hätte ihm mit Sicherheit gefallen.

 

Der Philosoph unter den Spieleerfindern

Philippe Evrard: Alexander Randolph – Die Sonnenseite – Fragmente aus dem Leben eines Spieleerfinders, Hardcover, 144 Seiten, 16,5 x 24 cm, Verlag Drei Hasen in der Abendsonne, Uehlfeld 2012; ISBN: 978-3-941345-09-6; Preis: EUR 19,90

 

7.7.2012 – Vorneweg: Auch langjährige Partner und Freunde von Alex Randolph erklären, dass sie ihn letztlich nicht gänzlich kannten. Der Kabarettist und Entertainer Herbert Feuerstein etwa, von Studienzeiten an über 50 Jahre mit ihm verbunden, bezweifelt beispielsweise, dass es eine gewisse Ranch in den USA, von der Randolph immer wieder sprach, wirklich gegeben habe.

Alex Randolph war ein Mann mit vielen Rätseln und vielen Geheimnissen.

Dabei war sein Leben öffentlich. Gewollt öffentlicht, immerhin war er der erste Spieleerfinder, der Publikum suchte und bei den Spieleverlagen durchsetzte, dass Seinesgleichen aus der Anonymität hervortritt und, wie bei Büchern, mit Namen vorne auf dem Werk steht. Alex war im besten Sinn des Wortes leutselig, und doch als Person auf selbstbestimmte Art und Weise schwer zugänglich.

Das ist gut zu wissen, wenn man das Buch in die Hand nimmt und nicht wie ich das Glück und mehrmals das Vergnügen hatte, Alex zu treffen. Ich plauderte, bestenfalls fachsimpelte ich, er aber philosophierte.

Es ist keine Biografie. Es sind, wie der Untertitel ankündigt, Fragmente aus dem Leben eines Spieleerfinders. Scheinbar hingeworfene Gedankenfetzen, deren innerer Zusammenhang sich erst in überzeugter Beharrlichkeit erschließt. Der Franzose Philippe Evrard, der dafür über einen Zeitraum von 15 Jahren immer wieder mit Alex zusammensaß und Interview führte, und der Deutsche Johann Rüttinger, der Texte, Skizzen, Fotos und Dokumente in die äußere Form eines Buches goss, haben einen Rahmen geschaffen, in dem man sich nach erster Orientierungstlosigkeit dann doch schnell zurechtfindet. Hilfreich dazu das Vorwort von Herbert Feuerstein, der prägnante Charistika und Lebensumstände auf den Punkt bringt. Zu der ungewöhnlichen Struktur des Buches kommt der eigenwillige Sprachduktus. Zu den bewundernswerten Eigenschaften dieses Mannes zählte, sich auch in nicht muttersprachlichem Deutsch mit Eleganz und Tiefgründigkeit ausdrücken zu können. Die dem Buch zugrundeliegenden Gespräche führte Evrard mit Randolph auf französisch, die Übersetzung aber gelang Kathi Kappler so überzeugend, als unterhalte man sich eben jetzt mit ihm auf deutsch, irgendwo auf einer Spielemesse. Authentisch Alex, Wort für Wort. 

Was steht nun drin? Zum Einen Verblüffendes und weitgehend Unbekanntes, zum Beispiel dass der Amerikaner Alex Randolph, der lange Zeit in Japan lebte und die letzten Lebensjahrzehnte in Italien, im heutigen Tschechien auf die Welt kam. Das befriedigt die Grundneugier, nähert man sich der biografischen Person. Zum Anderen ist das Buch ein überbordender Quell an Erkenntnissen und Weisheiten, die allesamt unterstreichen, dass wirklich gute Spiele immer aus dem wirklichen Leben schöpfen sollten. Es war glückliche Fügung, dass Randolph, Jahrgang 1922, in einem ungemein bewegten Jahrhundert nicht immer ganz freiwillig, so oft zwischen Kontinenten und Kulturen wechselte und seine Erfahrungen in vielen, ganz unterschiedlichen Spielen Niederschlag fanden. Das Buch schildert mit seinen Worten, wie es im Einzelfall dazu kam, und wie aus dem anfänglich überzeugten Abstrahisten allmählich auch ein Meister im Umsetzen von Themen wurde.

Alex Randolph war keineswegs  d e r  typische Spieleerfinder. Die meisten Spieleautoren arbeiten anders. Wobei Randolph nie von Arbeit sprach. "Was man freiwillig tut, aus Freude am Tun, das ist keine Arbeit", sagt er an einer Stelle des Buches. So oder so: Generell am Brettspiel und im speziellen an den Spielen dieses Mannes Interessierte erfahren, was Spiel alles sein kann und die Trennschärfe zwischen so genanntem Ernst des Lebens und dem angeblichen Gegenpart nur eine vermeintliche ist.

Das Buch trägt den Titel "Die Sonnenseite". Hmm. Kam man mit Alex zusammen, dann hatte man eigentlich stets das Gefühl, einem Menschen zu begegnen, der fürwahr die Sonnenseite repräsentierte. Nicht jene im Sinne der Butterseite, auf die man gefallen ist oder nicht, sondern jene Seite, die man sich verdient hat und zugesteht und einen von Zwängen befreit. Seine Freundlichkeit war Markenzeichen, sein Humor gesucht und nie herablassend, und die Leichtigkeit, mit der er seine Ansichten und Einschätzungen zum Besten gab, immer von Hintergründigkeit getragen. Ob Alex hinter diesem Äußeren tatsächlich jenes sonnige Gemüt hatte, wie manchem schien, bleibt eines seiner Geheimnisse, das auch dieses wunderbare Buch nicht zweifelsfrei klären kann. Das hätte ihm sehr gefallen.

Arno Miller

 

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