Weltreisen mit dem Zeigefinger

BUCH.  Die prächtigsten historischen Reisespiele der Welt in Großformat in einem Buch. Vordergründig ist es ein Blick in eine vergangene Welt, doch es gibt zahlreiche Parallelen zum modernen Spieleangebot.

 

Il Giro des Mondo, Weltreise-Spiel aus Mailand von 1890, bei dem Jules Verne grüßen lässt 

 

Sehr fachkundig und lesenswert, wenn auch nur auf die Vergangeneheit konzentriert: die Einführung in das Genre 

   

Großformatig und selbst spielbar: Jeweils eine Doppelseite ist Illustration und Spielplan zugleich. Will man die Regeln kennen lernen oder überhaupt mehr über das jeweilige Spiel erfahren, klappt man die Lade aus – und der Platzbedarf am Tisch verdoppelt sich. Für dieses Buch braucht man mehr Platz als für so manches Brettspiel.

Also wohl nichts fürs Reisegepäck. Dabei dreht sich doch alles ums Reisen.

"Die Welt im Spiel – Atlas der spielbaren Landkarten" ist zuerst einmal eine Zurschaustellung sogenannter Reisespiele aus mehreren Jahrhunderten. 63 Landkarten respektive Spielpläne bilden den Kern. Klug hat Ernst Strouhal, Wiener Kulturwissenschaftler, das Wesen solcher Spiele im Licht der jeweiligen gesellschaftlichen Einbettung seziert. Sozusagen als Reiseführer. Leider, und das ist ein Manko, erfährt man nichts über den Autor selbst, warum er, offenbar schon seit Längerem, Reisespiele sammelt.

Strouhals philosophische Betrachtungen sind erfreulich verständlich geschrieben, reich an Synapsen zu Politik, Literatur und Kunstgeschichte, widersprechen sich meiner Meinung nach jedoch mit der Schlussbemerkung, wo er meint, durchs Spielen lerne man eigentlich sehr wenig. Auch an anderen Stellen klingt durch, dass er es mit dem von ihm zitierten Nietzsche hält, wonach Spielen nicht mehr als unterhaltsame Zeitverkürzung darstelle.

Die Intentionen der in diesem Band präsentierten 63 ausgewählten Reisespielen waren vielfältig. Eine große Reolle spielte die Technik der jeweiligen Zeit, was sich an den Fahrzeugen und Reisemitteln niederschlägt, die dem Spieler zur Verfügung gestellt wurden. Kutsche, Straßenbahn, Schiff, Montgolfiere, Zeppelin, Raumschiff – und immer wieder das Fahrrad. Schon das neugierige Blättern verdeutlicht, dass Spiele früher viel stärker als heute die gerade aktuellen Lebensumstände und -möglichkeiten (wenn auch meist nur für eine kleine gesellschaftliche Schicht) zum Gegenstand hatten. Natürlich: Heute gibt es ganz andere Medien, die einem die Welt erklären wie sie ist oder sein sollte.

Das im Buch vortrefflich behandelte und als Vergagenheit dargestellte Spiele-Genre ist trotzdem keineswegs tot. Das fast allen faksimilierten Spielen zugrundeliegende Gänsespiel gibt es nach wie vor. Auch die Verquickung von Abenteuerreise und Wissensfragen über Orte, die durch Spielfelder markiert sind, findet sich in aktuellen Verlagsangeboten. Erst recht nicht umzubringen ist – wozu auch! – das Gespieltwerden, das Strouhal bekritelt. Die Reisespiele leben von Zufall, Unwägbarkeiten und Schicksal, das es anzunehmen gilt. Mehr noch als bei jenen Spielen, die in Städte, ferne Länder, durch Zeit und Raum führen, ist das Schicksal tragendes Element der Spiele im Kapitel „Reise durchs Leben“. Einmal religiös verbrämt, ein andermal moralisch aufgeladen oder schlicht an einer imaginären Karriere orientiert … eigentlich hat sich nicht allzu viel verändert über die Jahrhunderte: Der Welterfolg Das Spiel des Lebens ist in vielerlei Hinsicht nichts anderes als die moderne Adaption im 20. Jahrhundert. Nur Religion und Zeigefinger sind entsorgt worden.

Von der Verknüpfung des ludografischen Erbes zur Gegenwart schreibt der Autor allerdings nichts. Die Konzentration liegt in der berechtigterweise faszinierten Betrachtung alter, oftmals kunstvoll gestalteter Spielpläne im Kontext der Zeit, in der sie entstanden sind. Das aber ist ihm und dem Verlag in Zusammenarbeit mit der Universität für angewandte Kunst Wien hervorragend gelungen.

Ein Schmuckstück, das Ludophile nicht müde werden lässt, sich mit dem Zeigefinger auf Welten-Reise zu begeben, grafischen Detailreichtum zu erforschen und im „Begleitheft“ kulturhistorisches Wissen aufzusaugen. Und wie schon eingangs gesagt: Mit ein paar Spielfiguren und Würfeln lässt sich alles ausprobieren.

Arno Miller

 

PS.: Das Buch wurde vor Kurzem mit dem Staatspreis für das schönste Buch Österreichs gewürdigt.

Vom 19. Mai bis 9. September 2016 sind die Reisespiele in einer Ausstellung des Graz Museums zu sehen. Lesen Sie mehr darüber hier


Ernst Strouhal: Die Welt im Spiel – Atlas der spielbaren Landkarten, Verlag Brandstätter/die Angewandte, Wien 2015; 208 Seiten, Hardcover; 100 Abbildungen; Format 24 x 32 cm, € 59, ISBN 978-3-85033-929-2

 

 

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