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Vintage Toys: Herrliche Zeitreise

  NEUERSCHEINUNG.  Wow! Schwer, groß, geschützt in einem Schuber, bringt ein opulenter Bildband ein Stück Kindheit zurück. "Vintage Toys" zeigt Spiel- und Spielzeugikonen. Knappe Bildtexte erzählen von der Faszination und der Geschichte genreprägender Klassiker.

Ein Buch als Spielbrett. Der Buchrücken ist schwer geprägt. Ein Mühle-Brett. Die "Steine" dazu gibt es zwar nur in einer Beilage als herauszubrechende Kartonscheiben, aber … Man spürt, hier haben sich enthuasmierte Fans bunter Spielware so richtig austoben dürfen. Das mit Mühle ist nur eine von mehreren wohl überlegten Schönheiten des Buches "Vintage Toys".

Der Begriff Vintage wird zur Zeit ja inflationär und vielerorts völlig unpassend gebraucht. Gemeint ist Altes mit dem Anspruch von Bewährtem. Hier stimmt's. Der Bildband zeigt 170 Spielwaren unterschiedlichster Bereiche in aller Pracht, mit knappen, aber sehr informativen und launigen Texten. Die Auflistung beginnt beginnt – Achtung: Vintage! – kurz vor der Jahrtausendwende mit Furby und endet rund 3500 v. Chr. mit dem altägyptischen Brettspiel Senet.

In diesen fünfeinhalb Jahrtausenden ist reichlich Platz für wirkliche und angebliche Highlights an Dingen, die die Menschen zum Spielen brachten und bringen. Die Auswahl ist natürlich subjektiv. Der – modernere – Großteil ist Spielzeug vorbehalten. Den (Brett- und Karten-)Spieler erfreuen die Darstellungen, viele Aha-Momente in den Texten trotzdem.

Konzentrieren wir uns an dieser Stelle aber auf die Spiele. Welche haben denn Platz zwischen 3500 vor Christus und A.D. 1998? Chronologisch rückwärts taucht ein guter Bekannter auf Platz 4 auf. Die Siedler von Catan. Nach ziemlich viel klassischem Konsolen-Zeugs folgt an 15. Stelle Scotland Yard aus 1983. Auch eindeutig zu Recht. Ein Vater der wieder gefragten Kooperationsspiele. Gleich danach Jenga. Das Spiel bescherte Millionen zittrige Finger und brachte im selben Jahr nach einem ganz simplen Prinzip Nervenkitzel in die noch vom Fernsehen bestimmten Wohnzimmer. Unbestritten auch die Rolle von Trivial Pursuit als Auslöser eines regelrechten Quizspiel-Tsunamis. Das war 1982. Die Achtziger waren eine herausstechende Dekade für Spielefans.

Die 70er waren aber auch nicht schlecht, glaubt man dem Buch in allen Details. Rubiks Zauberwürfel, Zahltag, 4 gewinnt, Boggle, Mastermind … Da zeigt sich, dass "Vintage Toys" nicht zuletzt auch an ein angelsächsischen Publikum gerichtet ist. In den USA und England geläufigere Produkte von Hasbro und Mattel haben leichte Oberhand. So auch das Hau-drauf-Kinderspiel Hippo Flipp (nur einer von mehreren Namen und Varianten für das Original Hungry Hungry Hippos), das 1966 das Licht der Spielewelt erblickte und nicht erst 1978, wie das Autorenteam herausgefunden haben will.

Sehen wir angesichts der verlockenden Opulenz des Buches großzügig über diesen Schnitzer hinweg. Twister (1966) und Doktor Bibber (1965) sind fast gleich alt und nur wenig jünger als Malefiz, Memory und Risiko. Cluedo darf genauso wenig fehlen wie Scrabble, Monopoly, Fang den Hut! oder Mensch ärgere Dich nicht als weitere Höhepunkte aus dem vorigen Jahrhundert. Dass mit dem Matador-Baukasten und dem Pez-Spender auch zwei österreichische Vertreter in das Buch Einzug fanden, freut das Patrioten-Herz. Nur nebenbei erwähnt.

Weiter hinten wird es, nicht nur!, für Geschichtsaffine wahrlich interessant. Schätzen Sie mal, wie alt die Buchstabenwürfel sind, die jeder von uns kennt! "Sie zählen zu den einfachsten Spielsachen der Welt und begeistern dennoch seit Jahrhunderten Kinder auf der ganzen Welt", liest man, die erste namentliche Erwähnung geht auf den englischen Philosophen John Locke im Jahr 1693 zurück. Aus demselben Jahrhundert stammt übrigens auch das Gänsespiel, das zumindest unseren Eltern und Großeltern noch ein treuer Begleiter der Kindheit war. Oder: Was glauben Sie, ist älter? Pachisi, die Urfom aller Mensch ärgere Dich nicht-Spiele, oder Mikado oder Backgammon? Ich verrate es nicht.

"Vintage Toys" gibt zahlreiche Anekdoten wieder. Beispielsweise für Bingo. Um 1530 in Italien entstanden, seinen Siegeszug durch sämtliche amerikanischen Seniorenheime und mediterrane Urlauber-Animationsabende begründete jedoch der New Yorker Spielzeughändler Edwin Lowe 1929. Der gute Mann beobachtete damals in den Südstaaten Hispanos bei Beano. Dabei wurden die gezogenen Zahlen mit getrockneten Bohnen ("Beanos") abgedeckt. Ein Gewinner rief im Eifer des Gefechts angeblich "Bingo" statt "Beano", was Herrn Lowe so gut gefiel, dass er das Spiel unter diesem Namen vertrieb.

Wenn wir schon dabei sind. Risiko ist kein uramerikanisches Spiel, wie fast jedermann annimmt. Falsch. Es stammt aus Frankreich. Und Rummikub trat zwar von Israel aus seinen Siegeszug um die Welt an, doch Ephraim Hertzano hatte es noch vor seiner Emigration in seiner Heimat Rumänien ersonnen. Weil unter den Kommunisten Kartenspielen verpönt war, kam er auf die Idee, die Zahlen auf Plastikstücke zu drucken und sie auf abgeschägte Hölzer zu legen.

Das Buch macht also ein bisschen klüger, jedes Umblättern neugierig. Vor allem macht es jedoch Spielerherzen glücklich. Das Experiment, unterschiedlichste Spiel- und Beschäftigungsvergnügen, vom Puppenhaus über den Hula-Hopp-Reifen und Surfbrett bis hin zum modernen Strategiespiel und der Playstation auf einer Zeitleiste aufzufädeln und in einen Kontext zu stellen, ist gelungen. Das Ganze zu seinem sehr fairen Preis.

Arno Miller


Alessandra Sardo: Vintage Toys, Edel Germany GmbH, Hamburg 2015; 216 Seiten, Hardcover im Schuber + Spielbrett; 400 Abbildungen; Format 28 x 28 cm, € 49,95 (D) / € 51,40 (A), ISBN 978-3-943573-16-9

 

 

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