Meinung

Politikfreie Zone

Welche Relevanz hat das Spiel eigentlich in einer Gesellschaft? Das Spiel politisch unterfüttern zu wollen, ist in Zeiten wie diesen jedenfalls zwecklos. Seien wir froh darüber.

28. SEPTEMBER 2017

Die politische Aktion der Spieleautorenzunft (mehr dazu im Link unten) hat mich zur Frage geführt, ob und welche politische Relevanz das Spiel hat. Und ob es überhaupt Spiele gibt, die als politisch anzusehen sind.

Es gibt sie. Viele sind es jedoch nicht. Ganz selten stellen Spieleautoren einen gesellschaftlichen Anspruch, kreiden bestimmte Zustände und Entwicklungen an oder stellen sie in Frage. Solche Spiele findet man am ehesten bei Klein- und Selbstverlagen und ohne Chance auf flächendeckende Verbreitung. Spiele von Andrea Meyer seien hier stellvertretend genannt. Bei größeren Verlagen ist höchstens die Ironie ein Stilmittel, zu dem gegriffen wird.

 

Die Mehrheit versteht das Spiel als Unterhaltungsprodukt. Punkt. 

 

Abgesehen von Schach als Kriegssimulation – Krieg ist Politik – fällt mir nur ein einziges politisches Spiel ein, das einen Siegeszug um die Welt vollbrachte. Zumindest als Urkonzeption. Die Rede ist von Monopoly. Die Amerikanerin Elizabeth Magie wollte damit die sozialreformerischen Ideen des Ökonomen Henry George Anfang des 20. Jahrhunderts unter die Leute bringen: Dass auf der einen Seite arbeitslose Einkünfte des Grundbesitzers auf der anderen Seite zu Armut und Verelendung führen.

Was aus Monopoly geworden ist, wissen wir alle. Ausgerechnet eine ursprünglich antikapitalistische Intention verschafft dem kleinen Mann jauchzende Befriedigung, wenn er noch rücksichtsloser und kapitalistischer agiert als seine Mitspieler. Ein Treppenwitz der Geschichte.

Ja, Spiele bilden Realitäten ab. Das haben Spiele immer schon getan. Das führt mich zurück zur SAZ und die auch von ihr so gern geführte Debatte ums Kulturgut Spiel und welche Relevanz Spiele in unserer Gesellschaft haben. Statt ein Schlagwort totzureiten, sollten zuerst allerdings die Begrifflichkeiten klar sein. Schon ein rascher Blick in schlaue Dienste wie Duden oder Wikipedia ist hilfreich. Kultur kommt vom lateinischen Wort für Bearbeitung und Ackerbau und bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch gestaltend hervorbringt. Ein Kulturgut wiederum ist etwas, das als kultureller Wert Bestand hat und bewahrt wird. Soweit, so gut. Darunter fällt das Spiel zweifellos.

Die Trittsicherheit in der Diskussion wird dann aber verlassen, wenn das Spiel mit Kunstgattungen wie Literatur und Film gleichgesetzt wird. Die leichtfüßige Argumentation ist, es handle sich ja ebenfalls um einen kreativen Prozess. Davon abzuleiten, wie Bücher müssten auch Spiele mit einem niedrigeren Mehrwertsteuersatz belohnt werden, ist abenteuerlich.

Es lohnt sich vielmehr, einmal ernsthaft die Frage zu beantworten, warum Zeitungen seitenweise das Feuilleton und Rundfunk und Fernsehen Sendeplatz mit Film- und Buchbesprechungen füllen, aber nicht mit Spielerezensionen. Weil Filme und Bücher – beileibe nicht alle! – von gesellschaftlicher, kultureller und politischer Relevanz sind. Als Betrachter oder Leser kann ich daraus eine Aussage ableiten oder das Werk zumindest interpretieren. Oft steht hinter dem Werk und Tun eines Schriftstellers oder Filmemachers eine Haltung. Hinter einem Spiel steht Unter-haltung.

Ich meine das nicht abwertend. Unterhaltung gehört zum Leben.

Noch zu einem anderen Unterschied. Die angesprochene Wirksamkeit beziehen Buch und Film auch daraus, dass sie stets ein von Autoren oder Regisseuren vorgegebenes und unveränderbares Konstrukt darstellen. Das Spiel hingegen ist zwingend veränderbar. Zufall und Regeln haben zwar großen Einfluss, doch den Ablauf und das Resultat bestimmen die jeweiligen Spieler durch ihre Entscheidungen jedes Mal neu.

Jetzt könnte man sagen: Gerade darin würde doch enormes und politisch durchaus relevantes Potenzial stecken: über das Mittel Gesellschaftsspiel gesellschaftliche Veränderungen „ausprobieren“, Möglichkeiten aufzeigen oder gar danach den dadurch gewonnenen Erkenntnissen handeln. Der springende Punkt ist: Das interessiert nur einen Bruchteil der Menschen, die Mehrheit versteht das Spiel als Unterhaltungsprodukt. Kulturgut ja, Kunst mit (politischem) Anspruch nein.

Sieht man von aufklärerischen Spielen im Unterricht ab, bleibt noch die jüngere Wissenschaft, die die dem Spiel innewohnenden Prinzipien anwendet, um schlüssig zu definieren, wie sich der Mensch unter bestimmten Bedingungen verhält. Stichwort: Spieltheorie. Solche aus dem Spiel gewonnenen Erkenntnisse führen zu (wirtschafts-)politischer Erhellung und sind schon mehrmals mit einem Nobelpreis belohnt worden.

Ein letzter Gedanke gilt Zeiten und Umständen, in denen das Spiel von der Politik instrumentalisiert wird. In Diktaturen beispielsweise oder in Kriegszeiten, wenn also Brett- und Kartenspiele ideologisch unterfüttert werden, ein vermeintlicher oder realer Gegner als Spielfigur buchstäblich Gestalt annimmt und die Spieler diese Bedrohung besiegen sollen.

Es ist ein gutes Zeichen für eine Gesellschaft, dass derartige Holzhammer-Belehrungen fehlen und niemandem abgehen. Und das hat an sich durchaus politische Aussagekraft.

 

Link: Volle Unterstützung sieht anders aus


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