Meinung

Armutszeugnis

Dieses Wochenende beschert uns ein Lehrstück: Wie bringt man eine erfolgreiche Veranstaltung um und welche Folgen erwachsen daraus?

18. NOVEMBER 2017

Schon seit Tagen weisen selbst ferne Provinzblätter darauf hin: In Wien werden sich heute und morgen Darth Vaders tummeln, kostümierte Menschen sich mit Laserschwertern duellieren und Schauspieler aus Harry Potter und anderen Erfolgsproduktionen Autogramme geben. Es ist ein großer Hype um die „Comic Con Vienna“.

 

Bei dieser Gemengelage sind ausschließlich Verlierer übrig geblieben.

 

Im Vorjahr hatte die Reed-Messegesellschaft erstmals das Spiele-Event „spielespass“ als Parallelveranstaltung angehängt. Sie bot einen schwachen, aber entwicklungsfähigen Ersatz für das Österreichische Spielefest. Dieses war mit rund 70.000 Besuchern die größte Spieleveranstaltung der Welt ohne Möglichkeit die Spiele zu kaufen, die da nach Herzenslust ausprobiert werden konnten.

Jetzt, 2017 und mitten im wichtigen Weihnachtsgeschäft, gibt es im Ballungsraum Wien gar nichts, das Menschen auf das Spielen aufmerksam macht. Der Messeveranstalter hat die „spielespass“ abgesagt. Ohne Spieleveranstaltung sehen Fernsehen, Radio und Zeitungen keine Veranlassung, übers Spielen zu berichten. Es fehlt der „Aufhänger“, wie das im Jargon heißt.

Warum aus einem Hotspot der Spielebranche ein blinder Fleck werden konnte, um das zu verstehen, rufe ich ein paar Dinge kurz in Erinnerung:

  • Spielefest-Organisator Ferdinand de Cassan war zweifellos nicht immer einfach, aber ein großartiger Motivator und Netzwerker. An den Umständen der Zeit scheiterte aber am Ende auch er – als er nachgeben und das Verkaufen von Spielen zulassen wollte, war der Karren schon zu verfahren
  • Verkaufen ja oder nein, da waren sich die Spielehersteller und -vertriebe uneins
  • der Wiener Spielehandel jammerte zwar über Amazon & Co, ist einander aber das Zahnweh dermaßen neidig, dass er es für angebracht fand, das (letzte) Spielefest 2015 überhaupt zu boykottieren
  • 2016 Verschärfung an allen Fronten: Die Verlage suchen eine Alternative bei der Reed Messe, de Cassan lässt das Spielefest offiziell „pausieren“
  • die „spielespass“ wird 2016 zwar ein Achtungserfolg, für die zweite Ausgabe in diesem Jahr, an diesem Wochenende, fehlen dem Messeveranstalter aber ausreichend Aussteller. Reed zieht die Bremse.

 

Diese Gemengelage ist zu komplex für eine einfache Schuldzuweisung. Fest steht: Übrig geblieben sind ausschließlich Verlierer.

Ferdinand de Cassan ist dieses Jahr seiner schweren Krankheit erlegen, seine Frau Dagmar sieht sich außerstande, ohne Ausstelleruntertützung wieder etwas auf die Beine zu stellen, und der Reed Messe ergeht es ebenso. Die Branche blickt nämlich derzeit lieber nach Duisburg. Dort wird im Frühjahr eine neue Veranstaltung aus der Taufe gehoben. Sie wird Geld der Verlage binden.

Es ist somit mehr als fraglich, ob Wien in absehbarer Zeit wieder eine größere Spieleveranstaltung erleben wird. Für die zweitgrößte deutschsprachige Stadt der Welt ist das ein Armutszeugnis.

 


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