Meinung

Wiederbelebungsversuche

Bis aus Weiteres bleibt ausgerechnet die zweitgrößte deutschsprachige Stadt der Welt mit ihrer international beachteten Spielefest-Vergangenheit ein weißer Fleck auf der Landkarte. Eine Analyse der Gemengelage in Wien.

10. FEBRUAR 2018

„Wien, Wien, nur du allein sollst stets die Stadt meiner Träume sein!“, lautet der Refrain eines der bekanntesten Wienerlieder (unter anderem zur Filmmusik von „Eyes Wide Shut“ mit Tom Cruise und Nicole Kidman adaptiert). Auch die Spielefans in und um die österreichische Hauptstadt träumen. Von der Wiedergeburt eines Spielefests.

Auf der Spielwarenmesse in Nürnberg habe ich mit den wesentlichen Personen gesprochen, denen die Umsetzung des Traumes zuzutrauen wäre. Eva Agfalterer von Hasbro Österreich und Ravensburger Österreich-Geschäftsführerin Susanne Knoche wollen ein „neues“ Spielefest oder eine „neue“ Spielemesse. Ihnen schwebt vor, dafür die Stadt Wien ins Boot zu holen – das erste Problem. Doch davon später.

 

Ein Spielefest mit Verkauf, ist nicht im Grundwertekatalog der Sozialdemokratie enthalten.

 

Knoche will im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie (DVSI) darum werben, die Spielehersteller (wieder) für Wien zu begeistern – das zweite Problem. Bis auf Piatnik sitzen alle maßgeblichen Spieleverlage in Deutschland. Ohne deren Beteiligung, sprich: ordentlich Geld für Stände, Personal und Drumherum in die Hand zu nehmen, fehlt der Veranstaltung der finanzielle Unterbau. Einige von ihnen tragen ihr Geld derzeit lieber nach Duisburg, wo im März der Spielbox-Verlag im Nirgendwo des Stadtrands eine neue Spielemesse gebiert. Dort können die Besucher Spiele nicht nur spielen, sondern auch kaufen.

Damit sind wir beim nächsten Problem. Kurz in Erinnerung gerufen: Das Wiener Spielefest war die weltweit größte Veranstaltung ihrer Art und immer quasi verkaufsfreie Zone. Dass die Verlage, kaufmännisch völlig richtig gedacht, das Potenzial von ehemals rund 70.000 Besuchern nicht ungenutzt davonziehen lassen wollten, war ein Hauptgrund des Zerwürfnisses zwischen Spielefestveranstalter und Verlagen. Verkaufen hätten ohnehin die örtlichen Spielwarenhändler sollen, schließlich wollte man den Handel ja nicht konkurrenzieren. Doch wie anderswo, zählt auch in Wien der Neid zu den ältesten Bewohnern. Dass der Wiener Handel zu blöd war, exakt am Punkt der Nachfrage gutes Geld zu verdienen, hat die (deutschen) Hersteller nachhaltig verschreckt.

So ist Dieter Strehl, Chef von Piatnik und 2. Vorsitzender der Fachgruppe Spieleverlage e.V. innerhalb des DSVI, skeptisch, dass Susanne Knoche ein Umdenken in der Kollegenschaft gelingt. Er hat sich in diesem Gremium für Wien schon mehrmals den Mund fusslig geredet.

Und Dagmar de Cassan, die mit ihrem im Vorjahr verstorbenen Mann Ferdinand über 30 Jahre lang das Spielefest organisiert hat? Ich habe sie direkt darauf angesprochen, sie sagt: „Ich habe keine Pläne. Aber wenn man mich fragt, stehe ich mit unserem Know-how zur Verfügung.“

Nach einer solchen Notwendigkeit schaut es zur Zeit nicht aus, womit ich, wie angekündigt, zur Rolle der Stadt Wien kommen. Zunächst einmal: die Stadt Wien veranstaltet selbst kleinere Spielefeste über ihren Verband für Freizeitaktivitäten „wienxtra“. Unter anderem regelmäßig im Rathaus. Der Saal dort ist zwar prunkvoll, aber zu klein für ein Spielefest der ehemals gewohnten Größenordnung. Die Messe Wien, wo die von den Verlagen initiierte Ersatzveranstaltung fürs Spielefest, die „spielespass“ stattfand, ist zwar eine Tochtergesellschaft der Stadt Wien. Veranstalter der „spielespass“ war allerdings die private Reed Exihibtions.

Geeignete Räumlichkeiten hin oder her, es ist eine zutiefst politische Frage, ob und wie die Stadt Wien als Partnerin gewonnen werden kann. Das mag Außenstehende verwundern. Wien ist eine „rote“ Stadt. Zwar erodiert der Einfluss der Bürgermeisterpartei SPÖ aufs tägliche Leben, doch der sozialdemokratische Anspruch ist in vielen Bereichen ungebrochen. Siehe „wienxtra“-Netzwerk. Ein „neues“ Spielefest könnte als unnötige Konkurrenz aufgefasst werden. Ob Michael Ludwig das auch so sieht, weiß man nicht. Er ist ab Mai neuer Bürgermeister. Der Wechsel an der Rathausspitze bietet eine Chance für die Spielefest-Initianden.

Spätestens 2020 sind Wahlen. Große Publikumsveranstaltungen im Vorfeld, dazu mit gesellschaftspolitischem Anstrich kämen einem neuen Stadtoberhaupt durchaus zupass. Dagegen spricht: Eine kommerzielle Show, also ein Spielefest mit Verkauf, ist nicht im Grundwertekatalog der Sozialdemokratie enthalten.

Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass innerhalb der Stadt eine Entscheidung getroffen wird, bevor Michael Ludwig tatsächlich das Heft in der Hand hat. Und wer ressortmäßig der oder die zuständige Stadträtin wird, dazu hält sich Ludwig völlig bedeckt.

Der Messeveranstalter Reed Exhibitions, so die Botschaft an die Verlage, hat jedenfalls kein Interesse mehr an einer eigenen Spieleveranstaltung. Nachdem er im Vorjahr überraschend das Licht ausgeknipst hat, bleibt im Moment nur das Träumen.

 


Was denkst du darüber? Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!  – Mehr über die Regeln, was veröffentlicht wird, was nicht, findest du hier



Drucken E-Mail

Selbstverständlich erfüllt diese Website die Pflicht zum Hinweis auf den Einsatz von Cookies. Durch Cookies können Internetseiten nutzerfreundlicher, effektiv und sicherer gemacht werden. Durch die Nutzung dieser Website erklärst du dich damit einverstanden, dass sie Cookies verwendet. .