Meinung

Starker Jahrgang – starke Worte

Mit ihren Nominierungen und Empfehlungen versucht die Jury Spiel des Jahres die Qualität des Spielejahrgangs zu spiegeln. Das ist a) nicht immer einfach und b) ist nicht immer eindeutig festzulegen, wen das jeweilige Spiel eigentlich ansprechen soll.

14. MAI 2018

An Azul gab es kein Vorbeikommen. Das geniale und genial einfache Spiel von Michael Kiesling bleibt Favorit für das Spiel des Jahres 2018. Wobei die Spielergemeinde auch mit den beiden anderen Nominierten gut leben könnte. In Luxor hat Rüdiger Dorn in der strapazierten Themenwelt ägyptischer Grabmäler das Einsammeln von Artefakten mit einem überraschenden Kartenmechanismus gepimpt, während Wolfgang Warsch bei The Mind das kooperative Intuitions-Prinzip von Steffen Benndorfs The Game noch weiter verfeinerte.

 

Der erste (Schachtel-)Eindruck täuscht in mindestens der Hälfte aller Fälle.

 

Die Listen der Jury Spiel des Jahres bergen auch die eine oder andere Überraschung. Im Gegensatz zu Heaven & Ale hatte wohl niemand das Würfelspiel Ganz schön clever auf der Rechnung für eine Nominierung zum Kennerspiel des Jahres. Rechtfertigt der „gehobene Anspruch“ (Jury-Begründung) die Zuordnung zu den Kennerspielen? Nicht nur der Verlag hätte das bis heute wohl anders gesehen.

Die Einteilung in die „richtige“ Preisträgerkategorie ist zugegeben nicht immer einfach. Dass Wettlauf nach El Dorado im Vorjahr für den roten Pöppel nominiert war und nicht für den anthrazitfarbenen, wurde selbst innerhalb der Jury als mögliche Fehlentscheidung diskutiert: zu anspruchsvoll für den typischen Käufer eines Spiel des Jahres. Das kann man so sehen oder auch nicht. Bei der Nominierung von Die Quacksalber von Quedlinburg ging die Jury dieses Jahr auf Nummer sicher und nominierte es für den Kennerspiel-Pöppel, und Majesty vom auf Kennerspielnominierungen abonnierten Verlag Hans im Glück „nur“ mit einer Empfehlung und diese in der Spiel-des-Jahres-Kategorie zu bedenken, ist zweifellos richtig. Die Problematik, im Einzelfall die Trennschärfe zwischen den drei Kategorien im Einzelfall zu finden, zeigt auch Emojito!. Das zum Kinderspiel des Jahres nominierte Partyspiel hätte ebenso auf der Empfehlungsliste zum Spiel des Jahres gute Figur gemacht.

Richtig ist jedenfalls, was Juryvorsitzender Tom Felber in seinem Kommentar zu den insgesamt 23 Titeln auf den verschiedenen Listen schreibt: Dass „… jeder spielende Mensch mit Garantie ein Spiel findet, dass ihm, seiner Familie oder seinem sozialen Umfeld Freude bereitet.“ Um jedoch einen Fehlkauf zu vermeiden, kommt man nicht drum herum, vorher die Begründungen der Jury zu den jeweiligen Spielen genauer zu lesen und sich durch Spielerezensionen ein besseres Bild zu machen. Ich behaupte: Der erste (Schachtel-)Eindruck täuscht trotz oder gerade wegen erklärenden Worten und Symbolen in mindestens 50 Prozent der Fälle, für wen das Spiel taugt und für wen weniger.

Und auf noch etwas weist Felber mit starken Worten völlig zurecht hin: Die Sorgfalt bei den Spielanleitungen lässt auffällig oft zu wünschen übrig. „Wir haben wohl noch nie so viele an und für sich wirklich gute Spiele aussortiert wie in diesem Jahr, weil einfach ihre Spielregeln nicht die von uns geforderte Qualität erfüllten“, schreibt Felber den Verlagen ins Stammbuch. Auch die Angaben zu den Altersempfehlungen scheinen bei zahlreichen Spielen mehr der Fantasie entsprungen zu sein als einer seriösen Überlegung und Praxiserprobung.

 


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