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Fachgruppe: Obmann schickt Verleger in Klausur

  INTERVIEW. Noch ist die Bilanz offen, doch die Vorzeichen sind nicht unbedingt berauschend. Hermann Hutter erklärt als neuer Obmann der Fachgruppe Spiel im großen Spielwiese-Interview die Gründe, weshalb 2011 ein schwieriges Jahr für die Spielebranche war. Lesen Sie, wie die Verleger das Image der Gesellschaftsspiele aufpolieren wollen.

 

"Viele Spielehändler sind Schachtelhändler"

 

 

Fachgruppenobmann Hermann Hutter in der Spielwarenabteilung seines Fachgeschäfts Karl Abt am Ulmer Münsterplatz.

Bild: Die Spielwiese

   

Hermann Hutter ist im Oktober zum neuen Obmann der Fachgruppe Spiel gewählt worden. Sie ist die Interessenvertretung der Spieleverlage. Hutter steht nicht nur dem Verlag Huch and friends! vor und bringt über seine Firma Hutter Trade vor allem ausländische Spiele auf den deutschsprachigen Markt, er ist zugleich auch Mitinhaber eines der renommiertesten Handelshäuser Süddeutschlands. Dort, bei Karl Abt in Ulm, traf Die Spielwiese den Vielbeschäftigten in der Fachabteilung für Spielwaren zum Gespräch.

Hutter erklärt dabei seine Pläne, wie die Fachgruppe den Stellenwert der Spiele in der Gesellschaft erhöhen will, und sieht deutliches Verbesserungspotenzial im Spielwarenhandel.

 

Es geistern, kurz vor Weihnachen, unerfreuliche Zahlen herum, wonach der Spieleabsatz in diesem Jahr um acht oder sogar mehr Prozent eingebrochen sein soll. Wissen Sie als Fachgruppenobmann schon Genaueres?

Zusammenzählen kann man erst zum Schluss, wenn Weihnachten war.  Entscheidend ist, was in der letzten Woche passiert, weil Weihnachten ist in diesem Jahr ganz spät am Samstag der Woche ist. Spiele sind halt ganz, ganz stark im Dezember gefragt, der Dezember hat einen großen Einfluss. Und das Frühjahr war natürlich auch kontraproduktiv: der Sommer, der schon im April stattfand, dann Ostern erst am 24. April, dadurch war Outdoor der Gewinner, die hatten 30 Prozent plus, und die Spiele haben ein bisschen verloren. Monopoly hat sich schlechter entwickelt, und ein paar andere Dinge, die Longseller waren, die ziehen dann die ganze Warengruppe runter. Oder Lego hat mit seinen Spielen einen fulminanten Start gehabt, und jetzt geht’s ein bisserl runter… Wenn man sich das so genau bereinigt anschaut, dann sind da schon ein paar Sonderfaktoren drin – Sammelkartenspiele hat auch nicht grad den Hype zur Zeit, Poker ist jetzt durch … Es gibt Jahre, die sind ein bisschen besser, es gibt Jahre, die sind ein bisschen schlechter. Dieses Jahr gab’s nicht  d e n  Superhit wie letztes Jahr Schlag den Raab!. Da hat in diesem Jahr vielleicht ein bisschen der Impuls gefehlt. Aber ich bin zuversichtlich, auch wenn 2011 vielleicht nicht mit den Rekordzuwachsraten um sich schmeißt, dass es nächstes Jahr wieder besser wird.

Sie rechnen für heuer noch mit einem Plus?

Das glaub ich nicht. Wir können zufrieden sein, wenn wir das Niveau halten. Weil letztlich der gesamte Einzelhandel mit der Wirtschaftsproblematik und der Euro-Krise kämpft. Das ist sicherlich ein Thema, das ein bisschen dämpft. Es ist nicht so, dass es dramatisch ist, aber letzten Endes ist der Verbraucher schon ein bisschen vorsichtig, wenn er den ganzen Tag schlechte Nachrichten hört. Das hat auf die Psychologie des Verbrauchers einen gewissen Einfluss.

Wie sieht es in Ihrem eigenen Bereich aus? Sie sind a) hier in diesem Haus als Händler und b) als Verleger an zwei Seiten tätig.

Wir haben als Huch and friends und als Hutter Trade ein sehr gutes Jahr und haben einige Spiele sehr gut platzieren können. Wir waren früher ja mit Zoch in einem Topf und haben uns richtig freigeschwommen. Das umfangreiche Neuheitenprogramm ist ganz angekommen. Mit einem neuen Distributionspartner, mit Megableu und seinen Kinderspielen, für die wir Fernsehwerbung gemacht haben, haben wir wirklich für Furore gesorgt. Geisterjagd war Oktober, November das meistgefragte Kinderspiel am Markt. Da ging es durch die Fernsehwerbung richtig durch die Decke, so dass wir leider nicht mehr alle bedienen konnten. Aber es gibt ja auch ein nächstes Jahr.

Wie viele Mitarbeiter haben Huch und Hutter Trade inzwischen?

Wir haben nun zwei eigene Redakteure und zwei freie Redakteure, insgesamt 15 Mitarbeiter. Also da muss dann schon was laufen! Die letzte Woche wird es zeigen, aber wir rechnen für 2011 mit 25 Prozent Umsatzsteigerung. Nächstes Jahr werden wir nochmals Gas geben, dass wir schon nochmals 20 Prozent zulegen sollten.

Der Hutter-Gruppe geht’s also gut, auf der anderen Seite gibt es Schlagzeilen wie diese: Zoch wurde letztes Jahr aufgekauft, Scheer als einer der beiden großen Konfektionierer in der Insolvenz, Selecta zieht sich aus dem Kinderspielprogramm zurück – das sind doch Anzeichen, dass es nicht so rund läuft. Oder täuscht der Eindruck?

Der Albrecht Werstein (Zoch-Gründer, Anm.) hat ein gewisses Alter und hat einen sicheren Hafen gesucht, Selecta war immer schon zu 90 Prozent ein Holzspielzeuglieferant gewesen, und wenn man dann Spiele macht, dann muss man es im im gewissen Umfang machen – so nebenher, das ist ein bisschen schwierig. Die Scheer-Insolvenz hat nicht die Problematik, dass er zu wenig Absatz gehabt hat, sondern dass er die Preise nicht erzielen konnte, und er war vielleicht produktionstechnisch nicht auf dem neuesten Stand. Aber sicher ist der Wettbewerb natürlich internationaler geworden, und zwar nicht nur in China, sondern auch in Holland, Belgien – es gibt überall Leute, die produzieren! Das hat beim Scheer dann eine Rolle gespielt. Ich will also nicht sagen: Spiele sind schlecht, sondern jeder Fall hat seine eigene Geschichte. Und das Angebot an Spielen ist in den letzten Jahren rasant gestiegen, was natürlich den Nachteil hat, dass sich der Kuchen mehr teilt und dann vom einzelnen Spiel in Stückzahlen weniger verkauft wird. Und da der Innovationsdruck so groß ist, tun sich dann manche Verlage ein bisschen schwer. Das ist eine natürliche Bereinigung, die sich ergibt. Aber wenn man sich den Markt gesamthaft anschaut – ich bin jetzt auch schon zehn Jahre dabei: Vor zehn Jahren waren es mit wenigen Ausnahmen hauptsächlich deutsche Hersteller, und wenn man in Essen sieht, wie viele internationale Verlage ihre Produkte präsentieren, sieht man natürlich, dass das Niveau insgesamt gestiegen, aber auch wettbewerbsintensiver geworden ist.

Wie reagieren Sie als Hutter/Huch im nächsten Jahr? Machen Sie den Neuheitenwahn mit, also möglichst viele Neuheiten, oder bremsen Sie sich ein?

Wir machen, wie wir es gehabt haben weiter. Wir versuchen, und da waren wir immer schon stark, nicht nur Mainstream-Produkte zu haben, sondern sind in verschiedenen Nischen tätig. Da ist die Lifestyle-Ecke, im Lernspielsektor haben wir einige Sachen, die die anderen nicht so haben, und wir verkaufen nicht nur da, wo es sonst gewöhnlich Spiele gibt, sondern auch im Geschenkartikelhandel und im Buchhandel. Da sind wir ganz gut aufgestellt, auch für diese Zielgruppen Produkte zu haben.

Ist es also von Vorteil, wenn die Fachgruppe einen gelernten Buchhändler an der Spitze hat?

Von Vorteil ist, dass ich da mehr vom Markt kenne und ich mein Leben lang aus dem Handel komme. Die Brille, mit der man auf einer Messe unterwegs ist, kenne nicht nur von der einen Seite, sondern auch von der anderen. Ich kann beide Seiten besser verstehen, das ist in diesem Fall vielleicht gar nicht schlecht.

Hat es besonderes Aha-Erlebnis gegeben, als sie beschlossen hatten auch auf der Herstellerseite tätig zu werden?

Etwas Eigenes zu haben, ist immer etwas Besonderes. Als Händler schiebt man ja viele Dinge durch – wenn man als Hersteller etwas Eigenes kreiert, dann ist es wie ein Baby, das man in die Welt gesetzt hat. Das ist das Schöne am Herstellerdasein.

Gibt es ein Lieblingskind?

Die Lifestyle-Serie oder auch die Strategiespiele wie Kamisado, die machen mir richtig Spaß, und weil Kommunikation ein Thema ist, das mich persönlich beschäftigt, sind natürlich auch Kommunikationsspiele bei uns.

Die Sie auch spielen.

Ja, sicher  …

Jeden Abend mit der Familie …

(lacht) Leider ist mein Arbeitsanteil dafür zu hoch., Aber in den Ferien, im Urlaub, und man spielt natürlich auch im Büro, weil wir ja viele Prototypen kriegen. Nicht dass jeder Prototyp zu mir kommt, aber wenn es in die Endauswahl geht, dann spielt man natürlich die Dinge durch. Und da ich von der Marktseite her komme, bin ich ein kritischer Wegbegleiter meiner Redakteure. Da macht man sich nicht immer beliebt, da ich dann das vertrete, was der Kunde haben will, und Redakteure wollen ein sehr schönes Spiel haben. Es ist aber nicht immer unbedingt so, dass es sich automatisch trifft, dass ein Spiel redaktionell gut bearbeitet und gut verkaufsfähig ist.

Bleiben wir nochmals beim Vorteil, dass der Fachgruppenobmann etwas von Marketing versteht. Man hat insgesamt schon oft das Gefühl, dass das Spiel nicht den Stellenwert genießt, den man ihm wünscht. Gibt es ein Arbeitsprogramm des neuen Fachgruppenobmannes, das zu verbessern?

Ich habe mir vorgenommen, dass wir demnächst einmal einen längeren Workshop machen, nicht nur einen Nachmittag, sondern zwei Tage, wo man sich mit allen Verlagen in Klausur begibt. Wo man sich überlegt, was kann man denn tun oder was ist eigentlich notwendig, damit das Spiel draußen besser wahrgenommen wird. Da gibt es verschiedene Faktoren. Man muss auch gucken, was kann man tun, damit der Handel erkennt, dass Spiele noch ein großes Potenzial haben. Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Handel Berührungsängste hat, weil ein Plüschtier, das kann jeder angreifen, auch Lego ist ziemlich überschaubar, aber beim Spiel ist es wie beim Buch: Da fühlt manch einer sich unsicher, wenn der Kunde frägt: Um was geht es da? Da muss der Handel in die Qualifizierung seiner Mitarbeiter investieren. Auf der anderen Seite müssen wir uns überlegen, wie kann man Spiele auch gut präsentieren, so dass es auch raus aus dem Regal kommt und raus aus der Schachtel. Weil ich stelle die These auf: Viele Spielehändler sind Schachtelhändler. Bei uns hier um Haus gibt es einen großen Tisch, auf dem viele Holzspiele sind, und da sehe ich, wie die Leute begeistert hingehen, anlangen, anschauen und ein ganz anderes Gefühl fürs Spiel bekommen, wie wenn sie halt eine Pappschachtel in der Folie sehen. Es sind also zwei Ebenen: einmal die Meinung der Öffentlichkeit, in den Medien das Spiel besser zu verankern, und zweitens dafür zu sorgen, dem Spiel im Handel einen guten Stellenwert zu geben. Schließlich sind Spiele mit Puzzles mit 17, 18 Prozent immer noch die stärkste Warengruppe im Spielwarenhandel. Aber wenn ich in viele Geschäfte gehe, dann sind da nicht 17, 18 Prozent Spielefläche, sondern vielleicht fünf oder zehn Prozent.

Mit der Internetseite Gamemob hatte die Fachgruppe versucht, das Image des Spiels zu erhöhen und neue Kunden anzusprechen. Was ist daraus geworden?

Gamemob läuft jetzt eigentlich nicht mehr richtig. Es war ein Versuch zu einer Zeit, wo neue Dinge auf den Markt kamen, da selber etwas ins Leben zu rufen. Inzwischen muss man sagen, dass uns der Markt überholt hat. Es gibt so viele Blogs und Dinge, die sich im Internet mit Spielen beschäftigen, so dass es nicht wirklich sinnvoll ist, dass wir als Fachgruppe Spiel ein eigenes Portal betreiben. Die Betreiber wollten das noch weitermachen, aber das war für uns kein Thema.

Also die Spieleverlage zahlen auch nicht mehr dafür?

Nein, das haben wir eingestellt. Jetzt hat sich das totgelaufen. Da muss man sagen: Wir haben das gestartet, aber das hat jetzt nicht den durchschlagenden Erfolg gehabt, jetzt muss man an andere Dinge gehen. "Spielen macht Schule" ist ein großes Projekt, und ich hoffe, nach dem Workshop wird es das Eine oder Andere geben, wo man anpackt.

 

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