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Herbstneuheiten 2017: Was für Kenner!

 MESSE. spielwiese.at-Herausgeber Arno Miller stellt heute zum Abschluss der Serie über die Neuheiten auf der Messe "Spiel '17" die auffälligsten und vielversprechendsten Kennerspiele vor. Und erklärt zugleich, warum jede derartige Auswahl eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist.  

 

 
 

So schön bunt! Auf Cottage Garden folgt in der Trilogie Indian Summer.

Farbenpracht II, dieses Mal in Indien angesiedelt: Rajas of the Ganges.

Die unendlichen Weiten des Weltraums überbrücken: Das ist die logistische Herausforderung bei Reworld.

Jüngster Kosmos-Coup ein Buch zum Spiel zu machen: Das Fundament der Ewigkeit nach dem gleichnamigen Follett-Roman.

Bilder: spielwiese.at

   

Auf der „Spiel“ in Essen sind Ende des Vormonats etwa 1200 neue Spiele präsentiert worden. Den breitesten Raum unter den Neuheiten nehmen mittlerweile Spiele ein, die das Label „Kennerspiel“ umgehängt bekommen. Nicht immer treffend, aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls: An dieser Stelle geht es ausschließlich um Spiele, die in einer deutscher Ausgabe am Markt sind. Wobei der Begriff Markt in den vergangenen Jahren immer dehnbarer geworden ist (dazu mehr im Kasten „Kein Anspruch auf Vollständigkeit“ am Artikelende). Und es geht um Spiele, die in einem größeren Verlag erschienen sind bzw. über einen Vertriebspartner verfügen, sodass einigermaßen sichergestellt ist, dass das betreffende Spiel ohne gröbere Umstände im stationären Handel oder bei einem relevanten Online-Anbieter dann auch tatsächlich zu haben ist.

Klingt einfach und logisch, ist heute allerdings keine Selbstverständlichkeit mehr.

Also Kennerspiele, Spiele für anspruchsvollere Zeitgenossen. Auch wenn die Welten, in denen sie angesiedelt sind, vielgestaltiger wurden – die wesentlichen Genres sind die gleichen wie immer. Es dominieren die Themen Fantasy, Mittelalter und Königreiche, Wirtschaft und Handel sowie alle Spielarten von Science Fiction. Was auch im Bereich der Kennerspiele spürbar zunimmt, ist das kooperative Erlebnis. Wandert man über die Spielmesse in Essen, dann stellt man fest, dass das Horror-Genre an Boden verloren hat und es weniger ausgesprochene Kriegssimulationen gibt als in früheren Jahren.

Gehen wir die die auffälligsten Neuheiten des Herbsts 2017 in einer groben Einteilung einfach durch.

Nur zusammen geht’s

 Die Spielwelt von Pandemie gilt zurecht als Meilenstein in der jüngeren Spielgeschichte, weil es dem Kooperationsgedanken in der Welt der Erwachsenenspiele den Erfolgsweg ebnete. 2008 kam die Ursprungsform des Spiels auf den deutschen Markt, inzwischen laufen die Erweiterungen und Spin-offs auch bei uns unter dem englischen Originaltitel Pandemic. Pandemic Legacy – Season 2 (Z-Man) ist ein episches Brettspiel für 2 bis 4 Spieler. Man spielt nicht gegeneinander, sondern das Spiel spielt gegen die Spieler. Legacy bedeutet, dass sich die Aktionen auf spätere Partien auswirken: Sie verändern den Spielplan und das Spielmaterial, es kommt zusätzliches Material auf den Tisch und die Geschichte vom Kampf der Menschheit gegen die Seuche wird im Wortsinn fortlaufend.

 Das Entkommen ist ein zentraler Punkt bei Kooperationsspielen. So auch bei Berge des Wahnsinns (Iello). Am Anfang steht eine Forschungsreise in die Antarktis. In der Eiswüste entdecken die Spieler die Überreste einer uralten Zivilisation, was bedeutet, dass ein Fluch über sie kommt sie langsam dem Wahnsinn verfallen. Die gemeinsame Aufgabe besteht darin, mehr Relikte zu sammeln als Schaden zu erleiden.

Escape-Spiele sind in aller Munde. Die Jury Spiel des Jahres hat dieses Jahr eine ganze Serie davon, nämlich Exit von Kosmos, zum Kennerspiel des Jahres gekürt. Eine Wahl, die nicht für jeden einsichtig ist, will Exit mit seiner Eigenwilligkeit eigentlich Spielunbedarfte zum Spielen bringen. Sei’s drum, die Auszeichnung ist vergeben, die Punze aufgedrückt. Selbstredend: Kosmos bringt fürs Weihnachtsgeschäft neue Exit-Abenteuer, nämlich Der Tote im Orient-Express und Der versunkene Schatz. Wie schon im Artikel Herbstneuheiten 2017: (Noch) Immer auf der Flucht (Upd.) besprochen, versorgt auch Mitbewerber Noris die Fans dieser Spiele mit Nachschub.

Fantasy, Mittelalter und Königreiche

 Kosmos ist auch jener Verlag, der bisher am erfolgreichsten Literatur „verspielte“. Diesen Herbst ist neuerlich ein Roman von Ken Follett an der Reihe: Das Fundament der Ewigkeit. Dass er die Transformation vom Buch aufs Spielbrett beherrscht, hat Spieleautor Michael Rieneck schon mehrfach bewiesen. Hier führen uns Follett und Rieneck in die Welt Elisabeth I. und in die politischen Verwerfungen Europas des 16. Jahrhunderts. Erwartungsgemäß mit reichlich Spielmaterial.

 Nicht entlang an tatsächlicher Historie hantelt sich Majesty – Deine Krone, dein Königreich voran. Im neuen Spiel bei Hans im Glück erschaffen sich die Spieler vielmehr fiktive eigene Königreiche. Dazu braucht es keinen Spielplan, sondern viele Karten und Münzen. Auch hier bürgt der Autor für Qualität: Von Marc André kennt man Splendor und auch für Majesty hat er einen äußerst interessanten Mechanismus entwickelt, wie die Spieler zu den gefragten Personenkarten kommen. Das Spiel ist an der Kippe vom gehobenen Familienspiel zum Kennerspiel. Dass es auch umgekehrt gehen kann, sei mit einem Nebensatz erwähnt: Mit der Erweiterung Das Abenteuer beginnt … wechselt Port Royal ins Kennerspiel-Fach.

 Kein Jahr ohne ein neues König-Artus-Spiel. Noch einmal Michael Rieneck, bei Merlin (Queen) mit Stefan Feld als Autorenduo, einem ebenso ausgewiesenen Kennerspielmacher. Ein Thronfolger wird unter den Spielern gesucht. Da ist allerhand Treiben, das über eine Aktionsrondell gesteuert wird. Wer nach etwa eineinhalb Stunden möglichst viele Aufträge erfüllt hat, ohne dabei die drei Wertungen aus den Augen zu verlieren, wird neuer König.

Mittelalter und Fantasy reichen sich auch bei Feuville die Hand. Bei dem Huch-Spiel kommt es zum Kampf zwischen Baumeistern einer prosperierenden Stadt und einem Drachen, dem der Fortschritt ein Dorn im Auge ist. Den Zorn schon im Titel trägt die Heidelberger-Adaption des polnischen Originals von Heroes – Zorn der Elemente. Sehr strategisch und blutrünstig versuchen die Spieler zum Herrscher über eines der vier Elemente zu werden.

Unendliche Weiten des Weltraumes

 Wie schon erwähnt, gehört Science Fiction zu den schon immer stark vertretenen Szenarien unter den Kennerspielen. Liegt ja auch auf der Hand: In den unendlichen Weiten des Weltraums kann man, wie bei Fantasy, alles erfinden und an Personal und Ereignissen einbauen, ohne an einem Wahrheitsbeweis anzustreifen. Nun, Reworld (Eggertspiele/Pegasus) hat dennoch ein realitätsnahes Konzept: Wie bringt man die notwendigen Ressourcen mit Frachtern von einem Raumschiff auf einen Planeten? Dieses logistische Problem ist also nur der Umkehrfall dessen, was der Mensch heute schon mit seiner Raumstation ISS zu lösen hat. Es wäre nicht das Erfolgsduo Wolfgang Kramer und Michael Kiesling, wären da nicht zahlreiche Stolpersteine aus dem Weg zu räumen. Opulent ausgestattet, relativ leicht erklärt, aber voller Tücken – bei Reworld ist alles eine Frage der Organisation.

 Thematisch schließt sich Noria von Sophia Wagner bei Edition Spielwiese/Pegasus an. Es könnte die Fortsetzung von Reworld sein: Auf dem Planeten, der hier statt Eurybia nun Noria heißt, gilt es ein Handelsimperium auszubauen. Die Illustratoren und Spielegrafiker Michael Menzell und Klemens Franz haben dazu gemeinsam ein faszinierendes Füllhorn an Material und optischen Effekten ausgeschüttet.

Um die Ausbreitung einer Galaxie geht es bei Gaia Project, erschienen bei Feuerland. Das Entwicklungsspiel, das ganz auf Glückselemente verzichtet, ist der Nachfolger von Terra Mystica. Wer es kennt, weiß was er erwarten darf.

Von Brauern und Fischern

 Heaven & Ale, ein Spiel das Michael Kiesling mal nicht mit Wolfgang Kramer, sondern mit Andreas Schmidt (Polterfass, Justice League, u.a.) gemacht hat, war Verlagschef Peter Eggert ein besonderes Anliegen. Eggert ist gelernter Bierbrauer und genau um diese Kunst geht es in dem etwas düster gestalteten Spiel. Wir sind (auch hier) im Mittelalter bei den Mönchen, die versuchen die Balance zu halten zwischen dem Rohstoffanbau im Klostergarten und der Produktion des Gerstensaftes. Ein beinhartes Wirtschaftsspiel.

 Wirtschaft in verschiedensten Formen ist auch immer wieder das Thema von Spieleautor Uwe Rosenberg. Jetzt begibt er uns nach Norwegen auf die Lofoten. Bei Nusfjord von Lookout Games sind wir Spieler die Lenker des eigenen Fischereiunternehmens, das wachsen und am Ende die Konkurrenz überflügeln soll. Da wird Wald gerodet, werden Gebäude errichtet, wird in Schiffe investiert – wie bei Rosenberg gewohnt, alles sehr durchdacht mit einem Schwall an Wechselbeziehungen des Tuns.

Wie schwer sich Spiele manchmal in eine Schublade stecken lassen, zeigt Klong! von Schwerkraft. Es ist ein bisschen Escape, es ist Fantasy, es ist Krimi, es ist Sammeln. Vom Mechanismus her ist Klong! ein Deckbauspiel: Alle starten mit den gleichen Karten und nach und nach holen sie sich weitere hinzu. Ziel ist es als Meisterdieb in einem Verlies am Drachen vorbei Schätze zu räubern und damit zu fliehen. Das Spiel wird im angelsächsischen Raum bereits seit dem Vorjahr hoch gehandelt.

 Pegasus, das die Neuheit Indian Summer aus der Edition Spielwiese vertreibt, klassifiziert es als Kennerspiel. Darüber darf diskutiert werden. Stimmt schon, es ist anspruchsvoller als der erste Teil einer Trilogie, Cottage Garden. Aber auch Familien oder Gelegenheitsspieler mit etwas Erfahrung kommen mit dem Legespiel, das sich am Ende als wunderschöner Blätterwald präsentiert, gut zurecht.

Vom Farbenrausch in Neuengland begeben wir uns zu Farbenpracht Indiens. Asien muss ja auch immer wieder als Background für „exotische“ Spielthemen herhalten. Bei Rajas of the Ganges, erschienen bei Huch, treffen wir als Autoren auf das mehrfach preisgekrönte Ehepaar Inka und Markus Brand. Thema und Umsetzung mit Landschaftsplättchen und Würfeln sind auffallend konventionell: Als Fürsten (Rajas) sind wir bemüht, unsere Ländereien aufzuwerten und dem Großmogul durch unseren Einsatz und steigenden Ruhm zu gefallen.

Und was ist jetzt mit Horror?

Abgesehen von zahlreichen Erweiterungen von bereits vorhandenen Spielen hielt sich das Genre Horror unter den Herbstneuheiten in Essen im Hintergrund. An dieser Stelle aber noch einmal der Hinweis auf Berge des Wahnsinns, dessen in eisigem Blau gehaltenes Cover fast schon zu harmlos wirkt, auf jeden Fall aber aus der Masse hervorsticht.

 Das tut die Schachtel von Hannibal & Hamilcar nicht. Vielmehr bedient das martialische Konterfei des Hunnenkönigs samt heranstürmenden Elefanten im Hintergrund exakt die Erwartungen an ein Kriegssimulationsspiel (um abschließend auch dieses Genre noch gestreift zu haben). Das Besondere an Hannibal & Hamilcar ist, dass es eigentlich keine Neuheit ist, sondern die Wiederauflage von Hannibal aus dem Jahr 1998 bei Eurogames. Es hat nach wie vor viele Fans (was auch den geradezu irrwitzigen Erfolg bei der Finanzierung durch Kickstarter erklärt). Die Simulation des Zweiten Punischen Krieges hat nicht nur mit neuem (Plastik-)Material eine Aufwertung erfahren, was sich in einem Richtpreis von 79,90 Euro niederschlägt. Hinzu gekommen ist eben auch der zweite Namensgeber des Spiels Hamilcar, Vater von Hannibal. Auch er machte als Feldherr den Römern schwer zu schaffen, war zeitweise karthagischer Oberbefehlshaber des Ersten Punischen Krieges, der in dem Spiel in einem eigenen Szenario nachgestellt wird.

 

Kein Anspruch auf Vollständigkeit

Das Spieleangebot hat sich innerhalb weniger Jahre revolutioniert. Das liegt vor allem an Kickstarter und andere Crowdfunding-Plattformen. Über sie werden von Jahr zu Jahr mehr Spiele finanziert, erscheinen aber in der Regel nicht bei einem Spieleverlag im traditionellen Sinne. Sondern in Eigenverlagen, eigens dafür gegründeten Gesellschaften oder kommen über andere Vertriebskanäle an den Mann.

Zu einem wesentlichen Vehikel dieser Vertriebsarten ist die Spielemesse in Essen geworden. Immer öfter ist es so, dass Spieler, die sich am Crowdfunding beteiligt haben, in Essen ihr Exemplar abholen. Zieht man von der Gesamtauflage dann noch jene Exemplare ab, die nach Vorbestellung an ihre Empfänger verschickt werden, bleibt ein Rest, der auf der Messe angeboten wird. Ist dieser verkauft, ist das Spiel de facto bereits wieder vom Markt. Außer es kommt so gut an, dass die Nachfrage eine weitere Auflage rechtfertigt oder es ein traditioneller Verlag in sein Programm nimmt.

Weiters kommt hinzu, dass sich – mit und ohne Crowdfunding – immer mehr neue Kleinverlage gründen. Nicht nur im Ausland, sondern auch im deutschsprachigen Raum. Nicht wenige sind Eintagsfliegen oder „Ein-Spiel-Fliegen“. Wenn die Spielemesse also von rund 1100 Ausstellern und 1200 Neuheiten spricht, die in Essen präsentiert werden, dann sind das zwar beeindruckende Zahlen – anzufangen ist damit jedoch nur wenig. Was nützt dem Spieler, der nicht in Essen war, die Kunde von einem interessanten Spiel, wenn es nach der Messe nirgendwo mehr erhältlich ist?

Mit anderen Worten: Otto Normalspieler seriöse eine umfassende Übersicht der Herbstneuheiten zu geben, ist von Jahr zu Jahr schwieriger geworden. Eigentlich unmöglich.

Angesichts der Unmenge an Neuheiten wird sich erst im Laufe des restlichen Jahres, wenn nicht sogar erst gegen Frühjahr herausstellen, welche Kennerspiele das Potenzial haben über einen längeren Zeitraum das Interesse der Klientel zu halten. Denn erstens: Die Spieldauer ist oft überdurchschnittlich, so dauert es seine Zeit, bis selbst Vielspieler das große Angebot durchgespielt haben. Zweitens: Die engagierte Spieler-Community ist nicht nur experimentierfreudig, sie ist auch vernetzt und achtet auf Empfehlungen anderer. Was wiederum bedeutet, dass auch die über Mundpropaganda und diverse Foren und Rankings empfohlenen Spiele erst einmal besorgt, gespielt und die Erfahrungen wiederum mit anderen geteilt werden … 


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