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Interview: Eine Stadt erfindet ein Spielefestival

 FESTIVAL.  Warum der Stadt Cannes die Spielefans wichtig sind, worin sich das Festival des Jeux von anderen Spielefesten unterscheidet und warum der Eintritt nach 30 Jahren immer noch kostenlos ist. Festival-Leiterin Nadine Seul im Interview mit spielwiese.at.

 

   
   

Festival-Leiterin Nadine Seul mit spielwiese.at-Herausgeber Arno Miller auf dem berühmten roten Teppich von Cannes. 

Foto: spielwiese.at

   

Das Internationale Splelefestival an der Cote d'Azur fand am Wochenende zum 31. Mail statt. spielwiese.at-Herausgeber Arno Miller sprach mit Nadine Seul, sie ist "Commissaire Général" der Veranstaltung, über die Hintergründe, die das Festival zu etwas ganz Besonderem machen. Nadine Seul kam ein Jahr nach der Gründung dazu, bereits ein Jahr später wurde sie gesamtverantwortlich für das Spielefestival. "So habe ich seine ganze Entwicklung begleitet und die des Spieleuniversums", sagt sie, wobei der Beginn "nicht vergleichbar ist mit heute, speziell in Frankreich nicht".

Madame Seul, das Festival des Jeux ist die weltweit zweitgrößte Veranstaltung ihrer Art. Was gab den Ausschlag, dieses Festival überhaupt zu gründen?

Es gibt in Cannes zahlreiche traditionelle Spielklubs. Bridge, Schach und besonders Backgammon, weil viele Leute aus dem Mittleren Osten als Touristen nach Cannes kommen und hier in Hotels an Backgammon-Turnieren teilnehmen. Es gibt also eine Tradition des Spielens in Cannes. Als 1983 dieses Gebäude primär fürs Filmfestival errichtet wurde, war es die Gelegenheit um viele Events zu etablieren. Die Stadt wollte ein öffentliches Event, das Leute von überall her zum selben Zweck zusammenbringt. Spiele sind dafür ein guter Anlass: Nationalität, Alter oder sozialer Background spielen keine Rolle. Der Beginn wurde mit den Spielevereinigungen gemacht, Schach, Dame, Scrabble, Backgammon – weil das waren die Spiele, die in Frankreich gespielt wurden zu der Zeit. Nicht so wie in Deutschland, wo immer schon eine andere Brettspielkultur bestand. Das Konzept war sehr klar: Cannes entschied eine Show zu machen, wo alle Spiele für alle Leute präsentiert werden. Mit freiem Eintritt.

Warum dieser kostenlose Eintritt?

Zu der Zeit war das Spiel nicht sehr populär in Frankreich, außer den genannten. So dachte die Stadt, es könnte sehr schwierig sein, die Leute zu einem Festival zu locken, wenn sie dafür bezahlen müssen. So wurden die Tore weit geöffnet, auch damit die Menschen das neue Haus und seine Möglichkeiten entdecken. Von Anfang an galt das Prinzip „Alle Spiele für alle“: Kinder, Erwachsene, Simulationsspiele, Rollenspiele, Logikspiele, moderne Brettspiele. Davon gab es beim ersten Festival gerade mal 20. Als ich begann, nahmen die Brettspiele vielleicht 400 m2 ein. Heute brauchen wir 20.000 m2. Dazu kommen weitere 10.000 m2 für Turniere.

Es gibt allerdings auch Ausnahmen mit den Silver- und Gold-Badgets, habe ich gesehen.

Für das Fachpublikum gibt es „Gold“, um in bestimmte Business-Bereiche zu gelangen. Für das Publikum haben wir dieses Jahr den limitierten silbernen Fast-Pass kreiert, der 30 Euro für drei Tage kostet. Es ist ein VIP-Pass, die Besitzer kommen schneller herein und erhalten bei bestimmten Ausstellern spezielle Goodies, wie Spiele, Erweiterungen oder eine Playmobil-Figur.

Zum Festival des Jeux gehört auch der As d’Or.

1988 entschlossen wir uns diesen Spielepreis zu kreieren. Das französische Gegenstück zu Spiel des Jahres. Doch er war anfangs nicht für alle französischen Spiele, sondern nur für jene, die in Cannes präsentiert wurden. Das waren zwischen 20 und 30 Neuheiten zu der Zeit. Heute ist es komplett anders: Es gibt eine Jury, die aus allen Spielen wählt, die am französischen Markt sind. Und es ging um Logikspiele, weil Cannes für seine International Opens sehr bekannt war, mit großen Namen wie Schachmeister Gari Kasparov, Omar Sharif und Weltmeister in Bridge oder Scrabble. Die Weltmeisterschaft in Scrabble ist nach wie vor Teil des Festivals, oder morgen beherbergen wir die Dame-Europameisterschaft und in einem Hotel findet ein Bridge-Turnier mit wichtigen Spielern statt. So gehen wir mit den traditionellen Spielen weiter, auch wenn sich das Festival anders entwickelte. Heute haben wir tausende Spiele hier.

Wann hat sich das Festival verändert?

Etwa Mitte der Neunziger. Es war eine langsame Entwicklung. Die wesentlichen Veränderungen im französischen Markt setzten ungefähr um 2000 ein. Im Jahr 2010 waren etwa 500 neue Spiele im Markt. Heute, sieben Jahre später, sind es über 1000. Gesellschaftsspiele als Business betrachtet, reden wir heute von ungefähr 400 Millionen Euro Umsatz in Frankreich. Dieser Wert hat sich in dieser Zeit verdoppelt.

Asmodee & Co …

Frankreich ist heute ein sehr dynamischer Markt für Verlage, Autoren und Illustratoren. Große Unternehmen wie Asmodee, Iello, Gigamic und viele, viele kleinere, die jedes Jahr neu auf den Markt kommen. Viele Autoren beschließen, selbst einen Verlag zu gründen. Wir folgen diesem Markt.

Ist das Spielefestival zugleich die größte Fachmesse in Frankreich?

Für den ganzen französisch-sprachigen Markt. Frankreich, Belgien, die Schweiz und Kanada. Es ist einerseits eine Besuchermesse, wie Essen, aber es ist gleichzeitig eine Fachmesse. Marketing-Direktoren, Manager, Lizenzbeauftragte – die sind alle hier. Sie organisieren hier Show-Rooms für Meetings. In Frankreich haben wir zum Unterscheid zu Deutschland sehr viele kleine Spieleläden, auch in kleinen Städten und Dörfern. Als Festival bieten wir spezielle Packages für diese Shops, um zu guten Konditionen nach Cannes zu kommen. Wir organisieren für sie Konferenzen, Seminare, etc.

Diese Spieleläden können hier auf dem Festival Spiele verkaufen?

Nein, sie kommen um zu sehen, was es Neues am Markt gibt. Sie wollen beobachten, was das Publikum ankommt, welche Tendenzen es gibt.

Aber es gibt auch Verkaufsstände hier? Sind diese Händler aus Cannes?

Das ist unterschiedlich. Wir haben Händler aus der Region, es gibt zum Beispiel aber auch einen Onlinehändler, der an der Grenze zur Schweiz einen Laden führt.
Die meisten Verlage wollen nicht selbst an ihrem Stand verkaufen. Sie wollen ihre Spiele präsentieren, es ist eine Kommunikations-Show. Wir haben alle Arten von Besuchern: Wir haben die echten Gamer, Kinder, Junge, Erwachsene, Familien …

… auch auffallend viele ältere Besucher.

Ja, wir sind keine Show für Nerds. Der größte und wichtigste Teil der Besucher ist zwischen 18 und 35 Jahre alt.

60 Prozent Ihrer Besucher sind aus Cannes. Woher kommen die anderen?

Aus ganz Frankreich und inzwischen sind es auch viele Ausländer, die uns besuchen. Aus Spanien, aus der Schweiz, Belgien. Noch wenige aus Deutschland oder Österreich. Aber das beginnt mit einigen Professionals. Weil die französischen Verlage sehr aktiv und gut sind, auch die Autoren. Wir haben ungefähr 300 Autoren hier. Für sie tun wir sehr viel. Zum Beispiel in der Nacht von 22 bis 4 Uhr morgens zeigen sie in speziellen Räumen ihre Prototypen, wir nennen das „The Off“. Wir organisieren auch ein Speed Dating, wo 60 Autoren 60 Verlagen ihre Ideen präsentieren. Nach sieben Minuten gibt es einen Ton und sie müssen an den nächsten Tisch. Im sogenannten „ProtoLab“ gibt es eine Vorauswahl für die besten Autoren, die ins Speed Dating kommen.

Sind es ausschließlich französische Autoren?

Nein, auch von Belgien oder Kanada und letzte Nacht waren auch acht spanische Autoren darunter. Cannes hat mit 14 anderen Spielefestivals in der ganzen Welt eine Kooperation.

Wo sehen Sie die Zukunft des Festivals?

Ich denke, darin die Verlage noch mehr zu servicieren. Dieses Jahr haben wir einen neuen 2600 m2 großen Bereich für Kinder eröffnet.

Nicht schon 2015?

Nein, 2015 kam der Familienbereich dazu, der jetzt vergrößert wurde für Spiele und Spielwaren für Kinder von 3 bis 7, wie Kapla und Playmobil. Damit bekommen wir auch neue Aussteller nach Cannes.

Haben Sie noch ausreichend Platz?

Ja, wir haben genug.

Noch ein Wort zum Veranstalter. Wie sieht die Organisation aus?

Es gibt keine eigene Organisation, sondern wir sind ein Team, spezialisiert auf Kulturveranstaltungen im Palais des Festivals et des Congrés. Wir arbeiten das ganze Jahr hier für das Festival des Jeux, aber auch andere Kulturveranstaltungen.

Wie groß ist das Team?

Ich bin die Generalmanagerin und mit einer zweiten Person fürs Programm zuständig. Es gibt noch ein Presseteam mit zwei Mitarbeiterinnen und zwei für die Technik. Und das ist alles. Ab Oktober stoßen dann Externe dazu, um alles vorzubereiten und durchzuführen. Es ist ein wirklich kleines Team.

Und ein gutes Geschäft für das Palais und die Stadt?

Ja, im Dezember endete die Frist für Aussteller. Wir sind sozusagen ausverkauft. Wir sind eine semiprivate Gesellschaft, das Gebäude gehört der Stadt Cannes, die uns beauftragt, das ganze Jahr über kulturelle Shows zu veranstalten. Wir organisieren davon rund 100 im Jahr. Die Leute, die deshalb nach Cannes kommen, gehen essen, brauchen ein Hotel usw. Der Stadt geht es darum, dass es sich ihre Ökonomie entwickelt. Das ist der Grund, warum der Eintritt frei ist, und der Unterschied zu Essen und anderen Spieleveranstaltungen, die privat organisiert sind. Wenn ich auf deren Webseite gehe, finde ich zum Beispiel keine Angebote für Hotels und Ähnliches – wir haben mit vielen Hotels in Cannes Partnerschaften mit speziellen Tarifen für Autoren oder Verlage. Denn das Festival des Jeux ist von der Stadt für die Stadt erfunden worden.

 

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