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Spielwiese-Test 1155: Saustall

Schwieriger Fall

Literaturverspielungen sind seit gut einem Jahrzehnt fixer Bestandteil des Angebots. Verlage und Spieleautoren wagen sich nicht nur an große Romane, sondern auch an regionale Phänomene. Dazu zählt der Allgäuer Kultkommissar Kluftinger. Er tritt in der Zwischenzeit auch auf zwei Spielplänen in Aktion.

 

 Hermann Hutter ist ein Verleger, der seine Heimat und hochleben lässt. Es gibt mehrere Spiele bei Huch, die das Allgäu zum thematischen Inhalt haben. Wenn ein solcher Landstrich dann auch noch einen der bekanntesten „Regionalkrimis“ vorzuweisen hat, liegt es praktisch auf der Hand, auch dessen Protagonisten ein Spiel zu widmen. Genauer gesagt, sind es mittlerweile zwei „Kommissar Kluftinger-Spiele“. Saustall und Jagdrevier. Hier steht das erste im Fokus.

Als Autor des Spiels beauftragte Huch Michael Rieneck. Das ist insofern besonders erwähnenswert, da Rieneck bis dahin (und auch später noch) mehrere vielbeachtete Adaptionen von Romanen schuf. Vor allem für Kosmos, wie beispielsweise In 80 Tagen um die Welt, Die Säulen der Erde, Der Hexer von Salem, Die Tore der Welt oder auch Mario Puzos Mafia-Saga Der Pate.

Die Kommissar-Klufitinger-Romane sind freilich seichteres Gewässer. Nichtsdestotrotz hat sich Rieneck auch bei Saustall um einen ernst zu nehmenden spielerischen Zugang bemüht. Bei Saustall wird nicht einfach nur ein Täter ermittelt, indem Hinweise zusammengetragen werden und kombiniert werden muss, wie es bei Krimispielen üblich ist. Der Fall ist verzwickter und bleibt bis zum Schluss offen. Der Tierarzt liegt tot in einem Saustall, erschlagen von einem riesigen Laib Allgäuer Käse. Ob der Tote Opfer eines Verbrechens wurde oder einfach Unfallpech hatte – das ergibt sich aus der variablen Konstruktion des Spiels. Einmal so, einmal so.

Rieneck bedient sich dabei einer Fülle von Verdächtigen und Hinweisen. Die Frage lautet bei jedem Einzelnen, hat er ein Alibi und/oder findet sich ein Beweis, der ihn mit dem eventuellen Mordopfer in Verbindung bringt. Wurstfabrikant Emil Eisele, Bauer Joseph Junginger, die Gastwirtin Rose Reichler, sogar der Herr Pfarrer und der Herr Bürgermeister werden von den Spielern durchleuchtet. Eine zentrale Frage ist, ob es ein Mann oder eine Frau war, der oder die … Zeugen sagen aus,  Beweisstücke werden gefunden und (verdeckt) im Labor untersucht oder im Ermittlungsteam weitergegeben. Andererseits: Mitspieler können gezielt in ihrem Ermittlungen behindert werden, indem man ihnen sogenannte Verpflichtungen anhängt – de facto einmal aussetzen lässt.

Die Fülle an Möglichkeiten, das Im-Auge-behalten bereits getätigter Ermittlungen auf dem Spielbrett, ist sowohl Plus- als auch Minuspunkt von Saustall. Es gab Testrunden, da lief alles flott, wie am Schnürchen, dann gab es wieder sehr zähe Runden. Gefordert ist auf alle Fälle ein hohes Maß an Aufmerksamkeit.

Auch das komische Moment aller Kommissar-Kluftinger-Romane kommt bei Saustall nicht zu kurz. Dass er ausgerechnet in jener Woche mit diesem Fall belangt wird, in der er mit seiner Frau Erika, deren besten Freundin und ihrem Mann einen Tanzkurs besuchen wollte, bringt den ohnehin chaotischen Ermittler ganz schön aus der Fassung. Diese Einsprenkel Kluftingers Eigenarten, bekannt aus Buch und Fernsehen, finden sich neben der Spielanleitung vor allem bei den  Verpflichtungen. Sie sind für das Spielziel allerdings irrelevant, sondern lediglich atmosphärisches Beiwerk.

Fürs Kluftinger-Feeling ist bei Saustall vor allem Victor Boden als Illustrator zuständig. Das Schachtelbild ist ein Hammer! Der Spielplan entbehrt als Verbindung von vermeintlicher Allgäuer Idylle und spielmechanischen Elementen als kriminaltechnische Notwendigkeiten nicht einer gewissen Ironie. Dass Kluftingers bekannter grauer Passat auf der Straße durchs Dorf unterwegs ist und mit dem Ziehen von einem Feld zum nächsten das Tempo und den Ermittlungsfortschritt vorgibt, ist ein kleines, aber feines Detail dieser Umsetzung von Buchfigur auf den Spieltisch.

Fazit

Inwieweit man Saustall genießt, hängt nicht nur davon ab, ob man Kommissar Kluftinger kennt und mag, sondern sehr stark von der Konstellation der Spieler und ihrer Fähigkeit zum Kombinieren. Wer Deduktionsspiele „kann“, hat an den verwobenen spieltechnischen Elementen seine Freude. Wer mit dem Genre fremdelt, empfindet Saustall oft überladen und ja, auch langweilig.

 

 Nr. 1155: Saustall

 

Spielwiese-Code |     | E | 10 |


2010: Huch

  • Deduktionsspiel für 2 bis 4 Spieler ab 10 Jahre
  • Autor: Michael Rieneck
  • Grafik: Victor Boden
  • Verlag: Huch
  • ca.-Preis: 30,– €

   Themen: Verbrechen, Regionalkrimi, Allgäu

      Preis-Leistungsverhältnis   
      Spielmaterial 
      Wiederspielreiz
      Anspruch
      Glücksanteil  

  • Zielgruppe: Erwachsene, Kluftinger-Fans
  • Spieldauer: 45 bis 50 Minuten
  • Schachtelinfo: genügend
  • Spielmaterial: sehr gut
  • Spielanleitung: setzt zu sehr auf die Person des kultigen Kommissars, die praktische Handhabung bleibt dabei etwas auf der Strecke: warum man was tun soll, kommt erst beim zweiten Lesen über die Rampe
  • Anspruch: Kombinationsgabe und Überblick
  • Spielreiz: sehr unterschiedlich – entweder mag man es oder nicht
  • Glücksanteil: gering

 -Service:

Rund ums Spiel

  • 2012 folgte von anderen Autoren bei Huch mit Jagdrevier eine zweite Kluftinger-Verspielung

 


Das Rezensionsexemplar wurde von Huch zur Verfügung gestellt




 



 

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