Im zweiten Teil meiner, zugegebenmaßen natürlich subjektiven, Neuheitenübersicht widme ich mich den Zweipersonenspielen und jenen, die mit ihrem Anspruch als Kennerspiele bezeichnet werden.
30. OKTOBER 2016
Das Angebot war schon größer. Bei den Spielen für 2 hat es einen kräftigen Aderlass gegeben, nachdem vor allem Kosmos Jahre lang das Genre beherrscht hatte. Wer nach Neuem sucht, wird trotzdem fündig.
Der Jolly Roger ist die schwarze Flagge der Piratenschiffe. Totenkopf, eh wissen. Im Laufe der Jahre hat es schon mehrere Spiele gegeben, die Jolly Roger im Titel führten, jetzt fügt Abacus ein Zweierspiel und ein Et-Zeichen hinzu und nennt es Jolly & Roger, weil die beiden Protagonisten jeweils so genannt werden. In acht Runden kämpfen die beiden um vier Schiffe mit unterschiedlich viel Gold an Bord. Dabei wird wieder einmal die Kuchenteil-Regel angewendet: Der eine Spieler teilt fünf Karten mit unterschiedlicher Kampfstärke in zwei Sets, der andere Spieler darf zuerst aussuchen, welches Set er nimmt. Einfach, aber gut.
|
Wer zum jetzigen Zeitpunkt anderes behauptet, ist schlicht nicht seriös.
|
In Dänemark wurde eine Art Tischfußball auf Anhieb zu einem großen Erfolg. Bei Klask muss der Ball ins gegnerische Tor gebracht werden, gesteuert werden die Spielfiguren magnetisch von der Unterseite des Spielbretts aus. Game Factory führt das aus Holz fabrizierte Spiel jetzt auf dem deutschsprachigen Markt ein.
| Matthias Cramers Zweikampf um den Einzug in den Himmel der Götter. | |
| Standardszenario: Piraten wollen ran ans Gold. Hier bei Jolly & Roger von Abacus. | |
| Pegasus und Eggertspiele haben ihr Glück auf in eine kostengünstige Kartenspielvariante umgewandelt. | |
| Der neue Stefan Feld: Das Orakel von Delphi. | |
| Düstere Stimmung bei Queen: Schließlich geht's bei Armageddon auch um den Überlebenskampf nach dem Weltuntergang. | |
Huch setzt wie angekündigt das „Gipf-Projekt“ im Herbst fort. Wiederbelebt werden für die Fans abstrakter strategischer Zweipersonenspiele Tzaar und Zertz, das 2000 auf der Auswahlliste zum Spiel des Jahres stand. Matthias Cramer, der unter anderem mit Lancaster und Rokoko schon viel beachtete Spiele ersonnen hat, lässt bei Lookout antike Helden in Kampf um den Olymp antreten.
Mit Raptor von Bruno Cathala und Bruno Faidutti schlage ich den Bogen zu den Kennerspielen. Raptor ist für zwei Spieler und hat für ein relativ kleines Spiel viel 3D-Material und hohe Spieltiefe. Die Geschichte dahinter ist, dass auf eine Insel überlebende Dinosaurier entdeckt wurden und Forscher sie einfachen wollen. Jurassic Park lässt grüßen. Die deutsche Lizenz hat sich Pegasus gesichert.
Die Jury ist nicht zu beneiden
Beim Militär heißt es, einen Krieg, den man nicht gewinnen kann, soll man erst gar nicht anfangen. Mit dieser Weisheit bitte ich vorweg um Nachsicht, dass ein umfassender Überlblick an neuen Kennerspielen reine Illussion wäre. Wie über 170.000 Messebesucher in Essen feststellten, ist dazu das Angebot in diesem Herbst dermaßen ausufernd, dass niemand mehr den Überblick behalten konnte. Wer zum jetzigen Zeitpunkt anderes behauptet, ist schlicht nicht seriös. Die Jury für das Kennerspiel 2017 ist jetzt schon nicht zu beneiden, durch den Neuheiten-Tsunami durchtauchen zu müssen.
Ich beschränke mich bei den anspruchsvolleren Spielen auf einige übliche Verdächtige. Wie schon bei der Übersicht der neuen Familienspielen wählte ich auch bei den Kennerspielen als ein Auswahlprinzip, dass hier erwähnte Spiele von Verlagen kommen, die den stationären Handel einigermaßen flächendeckend beliefern. Und dann bleibt gar nicht mehr so viel übrig.
Immer hoch im Kurs einschlägiger Spieler ist Hans im Glück. Mit der Herbstneuheit First Class bleiben die Münchner nach dem Erfolg von Russian Railroad auf Schiene. Der Autor Helmut Ohley war bereits Teil der eisenbahntechnischen Erschließung Russlands. Und was verbindet der Eisenbahn-Aficinado als Erstes mit First Class? Richtig, den Orient Express. Der wurde schon mehrmals „bespielt“, meist als Deduktion in Anlehnung an Agatha Christies Roman. Bei First Class handelt es sich jedoch um ein Wirtschaftsspiel. Die Spieler wollen als Geschäftsleute das Projekt Orient Express weiterbringen, bauen das Streckennetz aus, pimpen ihren Zug auf, holen Passagiere an Bord. Rund 300 Karten machen die Schachtel ziemlich schwer. Es gibt bereits mehrere Module bei First Class, zwei davon kommen bei jeder Partie dran. Somit spielt sich First Class jeweils anders. Es gibt Aufträge zu erfüllen und Punkte zu sammeln und wer am Ende die meisten Punkte hat, … Ach ja, und ganz ohne Mord-Modul kommt auch First Class nicht aus.
Kosmos hat mit der Andor-Trilogie seit 2012 unzählige Kennerspieler begeistert. Jetzt geht’s ins Finale. Der dritte und letzte Teil heißt Die letzte Hoffnung. In sieben Legenden – mehr als je zuvor – kämpfen die Spieler noch einmal gemeinsam als Helden um das Schicksal von Andor. Im Frühling erscheint dann noch Dunkle Helden, damit auch das Finale für fünf und sechs Spieler erlebbar ist. Dann aber sei endgültig Schluss, heißt es bei Kosmos.
Bei Huch gibt es sowohl Ausgefuchstes wie Familientaugliches. Für seine Fangemeinde hat Autor Richard Breese das Spielprinzip aus seinem preisgekrönten Keyflower gestrafft und daraus Key to the City – London kreiert. Noch zugänglicher ist die andere Neuheit, ebenfalls mit einem Städtenamen versehen, Ulm von Günter Burkhardt. Und wie könnte es anders sein? – es geht um den Bau des Ulmer Münsters mit dem weltweit höchsten Kirchturm. Übrigens: In dessen Schatten betreibt Huch-Chef Hermann Hutter ein Kaufhaus mit einer exzellenten Spielwarenabteilung. So ist das Spiel auch so etwas wie ein Geschenk an sich selbst.
Viele, viele Karten
Neben Heidelberger ist Pegasus in den vergangenen Jahren ebenfalls zu einer Verlags- und Vertriebskonstellation mit einer breiten Range an Kennerspielen herangewachsen. Viele Spiele haben ausgesprochen kriegerische Züge und ihre Wurzeln zum Teil in Computerspielen oder TV-Serien. Diese lasse ich, very, very speical, hier außen vor. Lieber nenne ich Glück auf. Ja, das kennt man. Aber nicht in dieser Form. Die herrliche Brettspielausgabe fände zwar immer noch neue Abnehmer im Ruhrgebiet, wo das Kohle-Wirtschaftsspiel angesiedelt ist, aber für eine Neuauflage ist dieser Markt zu klein. Also haben Pegasus und Eggertspiele daraus das gleichnamige Kartenspiel verdichtet, das nicht weniger Platz am Tisch braucht, alle Elemente des „großen Bruders“ aufnimmt und trotzdem zu einem Hammerpreis unter zehn Euro machbar ist (wurde, nebenbei, auch mit Camel up so gemacht). Apropos Karten: Wer gerne Städte oder Zivilisationen aufbaut, ist bei Im Wandel der Zeiten – Das Kartenspiel und Design Town richtig. Hingegen würfellastig ist die diesjährige Kooperation zwischen Hall9000 und Pegasus namens Das Orakel von Delphi von Stefan Feld. Die Gunst der griechischen Götter will gewonnen werden.
Zeus & Co waren bekanntlich nicht zimperlich mit Flüchen und Zerstörungen, wenn Mensch oder andere Gottheiten nicht spurten. Ob sie für den vorausgegangenen Weltuntergang beim neuen Queen-Spiel Armageddon verantwortlich zeichneten, sei dahingestellt. Jedenfalls versuchen die wenigen Überlebenden ihre Zivilisation wieder aufzubauen. Aber nicht alle verfolgen dabei friedliche Ziele.
Damit belasse ich es fürs Erste. Ganz sicher werden in nächster Zeit hier nicht genannte Kennerspiele für Aufsehen sorgen. Da kann man sich auf die Schwarmintelligenz der Spieler und Kritikerkollegen verlassen. Doch zunächst ist noch ein dritter und letzter Teil meiner persönlichen Neuheitenübersicht and er Reihe. Am Dienstag stehen noch neue Party- und Kommunikationsspiele im Fokus.
Was denkst du darüber?

… eine Beschäftigung, die für sich selbst angenehm ist.