Eigentlich, könnte man annehmen, wäre alles wieder in Butter. Ravensburger kehrt wieder in den Schoß von Ferrdinand de Cassan als Organisator des Österreichischen Spielefestes zurück; die Österreich-Tochter des blauen Dreiecks hat zwar einen öffentlichen Verweis von ihrer Mutter in Deutschland und damit einen Imageschaden erlitten ... aber was soll's?! Interessiert ja eh nur eine Handvoll Ösis.
Ja und Nein ...
Hier: Ferdinand de Cassan und das Österreichische Spielefest, die reine Lehre vom glückselig machenden Brettspiel. Lasset keine anderen Spiele, schon gar nicht elektronische an mich heran!
Dort: Ravensburger, aber auch andere Verlage, die nicht nur Brettspiele erzeugen, sondern zum Beispiel Puzzles, zum Beispiel Spielzeug, zum Beispiel Bücher, zum Beispiel elektronische Spiele und, und, und. Für sie ist das Österreichische Spielefest in einem sich rapide veränderndem Markt zum Korsett geworden.
Das klassische Brett- und Kartenspiel hat an Bedeutung verloren. Spielen ist weit vielfältiger als noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Das ist das Marktumfeld von heute heute. Die Freaks erreiche ich als Hersteller immer, aber wie komme ich an die übrigen Leute heran? Jedes Spieleangebot muss heute inszeniert sein, um von den reizüberfluteten Konsumenten überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Ein Weg unter mehreren ist, Brettspiele in größer gefasste Erlebniswelten einzubetten. Das ist das Konzept der "Gegenveranstaltung". Zum Thema Ritter - nur als Beispiel - gibt es dann halt nicht nur Brettspiele, sondern Ritterfiguren, Ritter-PC-Spiele, Ritterburgen zum Klettern, Ritterturniere etc. Ob dann der Kind, Mutter oder Oma nur das Ritterspiel, nur die Ritterfigur, nur das Ritterbuch oder mehreres davon kauft, wird nicht zuletzt von der Präsentation beim Spielefest von RTL abhängen.
Ravensburger wollte und will sich die Möglichkeit nicht entgehen lassen, den Kaufimpuls bei Besuchern zu stimulieren, die vor dem Betreten der Messehalle nicht nur auf Brett- und Kartenspiele fixiert sind.
Das ist die Angebotskomponente. Die andere ist die Nachfrage. SuperRTL und Kronenzeitung werden klotzen und sind zwei Wochen früher am Zug. Welche Auswirkungen wird das auf das klassische Spielefest haben? Wie viele werden dort hin gehen und meinen, es sei die bekannte Veranstaltung? Wie viele werden - falls sie den konzeptionellen Unterschied vorher tatsächlich realisieren - dieses Jahr einmal das Neue ausprobieren? Werden sie dann 14 Tage später noch einmal die Brieftasche zücken und auch das Österreichische Spielefest besuchen?
Veranstaltungen dieser Größenordnung leben nach Meinung der Bevölkerung von den Besuchern. So ist es aber nicht. Zuerst einmal braucht es die Aussteller, die Fläche zahlen und den finanziellen Sockel absichern. Hier hat Ferdinand de Cassan mit der "Rückholaktion" via Deutschland einen Etappensieg erzielt.
Aber eben nur einen Etappensieg. Erst im November werden wir wissen, welcher der beiden Veranstalter mit dem Gelben Trikot weiterfährt oder schon ans Nähen des Totenhemdes denken sollte.
Arno Miller

