AUSSTELLUNG. Im Wien Museum in der Nähe am Karlsplatz ist derzeit die seit Langem beste Ausstellung zum Thema Spielen zu sehen. „Spiele der Stadt“ lautet der anspruchsvolle Titel. Sie vermittelt ein mehrere Jahrhunderte umfassendes Sittenbild. Wiener zu sein, ist absolut keine Voraussetzung, um sich von Ausstellung und einem grandiosen Katalog begeistern zu lassen.
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Reifen treiben, um1935 , Fotografie von Rudolf Spiegel . Die Ausstellung spannt einen sehr weiten Bogen, was Spiel in der Stadt alles war und ist. © Bezirksmuseum Ottakring |
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Wiener Stadtbahn–Spiel, um 1930 © Wien Museum |
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Sicher: Es gab schon kompaktere Ausstellungen übers Spielen. Der erste Eindruck ist, dass hier sehr, sehr viel zusammengetragen wurde. Dass man dann dennoch nicht von der Fülle an durchwegs Originalen erschlagen wird, liegt an der Struktur, die sich auf den zweiten Blick erschließt. Eine Vielzahl an Themen wurde aufgegriffen und in eigenen Bereichen vertieft.
Spielt man in der Stadt anders als auf dem Land?
Ja und nein. Die Ausstellung „Spiele der Stadt“ setzt in einer Epoche an, in der das heutige Wien neben seinem Kern auch noch aus einer Vielzahl von dörflich geprägten Vorstädten bestand. Die Ausstellungmacher fügen das Spielen ohne oder mit wenigen Hilfsmitteln der armen Gesellschaftsschichten mit dem Spielen der Oberschicht zusammen. Schließlich gab es eine Reihe von gegenseitiger Beeinflussung und damit Überschneidungen.
So nimmt beispielsweise das Thema Lotto breiten Raum ein. Lotto, der Traum vom großen Glück. Das ist nicht typisch Wien, entwickelte an der Donau aber eine Reihe an Besonderheiten. Zahlreiche Fotos und Originaldokumente belegen, dass es eine regelrechte Lotto-Industrie gab, wie etwa Anleitungen zur „Traumdeutung“, die einen den „richtigen“ Zahlen näher bringen sollten. Man erfährt auch staunend, dass die vor einigen Jahren in Mode gekommenen (und schließlich verbotenen) Verlosungen von Häusern und anderen Immobilien keine Erfindung unserer Nuller-Jahre sind, sondern schon im 19. Jahrhundert einen regelrechten Boom erlebten. Da wurden Güter, Häuser, ja sogar in die finanzielle Bredouille geratene Theater ausgespielt.
Vielschichtiges Thema
Die Ausstellung zeigt, wie vielschichtig der Begriff Spielen ist. Kaum ein Mosaiksteinchen wird ausgelassen. Das Spiel zu Propagandazwecken – schon in der Monarchie, später unter Naziherrschaft und dazwischen als Mittel der Masseninszenierung im „roten“ Wien; das Spiel als Zeitvertreib im aristokratischen Salon; das Spiel als Bildungsvehikel, und und und. Der Einfluss von Montessori auf das Spielen im Kindergarten hat ebenso seinen Platz, wie das freie Kinderspiel auf der noch autolosen Straße und im Gemeindebau. Mehr oder weniger Prominente Wiener erzählen an Videostationen, wie das in ihrer Kindheit war. Vieles davon ist heute unverstellbar, auch weil sich eine ganz andere Form des Spielens der Stadt unübersehbar bemächtigt hat: das Automatenspiel. Eine Fotowand mit Häuserzeilen, von einschlägigen Leuchtreklamen und Wettbüros verschandelt, ist Zeitdokument und Mahnmal zugleich.
Mord und Totschlag
Dabei hat sich lediglich die Art des Spiels verändert. Die Wiener Kaffeehäuser waren seit jeher auch Spielorte. Wien war Schach-Weltstadt, ein Billard-Mekka, und selbstredend ein Ort der Kartenspieler. Dass es auch früher nicht immer mit rechten Dingen zuging und zu bestimmten Spielen auch eine Kriminal-Komponente gehört, zeigen gezinkte Karten und vor allem das in Zuhälterkreisen beliebte originäre Glücksspiel Stoß. Zwei ehemalige leitende Polizisten und ein Fotoreporter und gelegentlicher Stoß-Spieler unterhalten sich auf einem weiteren Video darüber, was in den Hinterzimmern alles gelaufen ist – Mord und Totschlag inklusive.
„Glück, Gewinn und Zeitvertreib“ ist der Untertitel der Ausstellung. Die Neuzeit kommt dabei leider etwas zu kurz. Dass es eine ganze Reihe an Spieleerfindern in Wien gab und gibt, wird nur exemplarisch an Franz Weigl (Typ-Dom) gestreift. Dafür ist gut dokumentiert, wo die Wien selbst in Brett- und Kartenspielen die Hauptrolle spielt.
Exzellenter Katalog
Die Einführungen in die Ausstellungsbereiche und die Beschreibungen der einzelnen Exponate ermöglichen das Erfassen und Verstehen auch ohne Katalog. Der sei aber Besuchern spätestens beim Verlassen des Wien Museums ans Herz gelegt: 28 x 28 Zentimeter groß, mit über 450 Seiten und damit vier Zentimeter dick, gibt es zum mehr als fairen Preis von 29 Euro. Über ein Dutzend Autoren vertiefen darin noch einmal die unterschiedlichen Aspekte des Spielens in einer Großstadt.
Ausstellung und Katalog zusammen sind die wohl beste Dokumentation des über Wien hinausreichenden Themas, die bisher zusammengetragen wurde!
Daten & Fakten
„Spiele der Stadt – Glück, Gewinn und Zeitvertreib“, Wien Museum, Karlsplatz, 1040 Wien; 25. Otkober 2012 bis 2. April 2013, Dienstag bis Sonntag und Feiertag von 10 bis 18 Uhr; Erwachsene: 8 Euro, für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahre sowie für alle Besucher am ersten Sonntag im Monat Eintritt frei.
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