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de Cassans sind Spieler des Jahres 2001

 

> Preisträger im Porträt:
• de Cassans sind Spieler des Jahres 2001
Kappler/Rüttinger sind Spieler des Jahres 2002
Klaus Teuber ist Spieler des Jahres 2004
> Spieler des Jahres – Der Preis

   

Die "Spieler des Jahres" 2001: Dagmar und Ferdinand de Cassan

Interaktion statt Kettenreaktion - Datenbank statt Laborversuche

Von Arno Miller

Eigentlich wollte er Nuklearphysiker werden. Ernsthaft. Er brachte das Interesse mit und hatte laut seinen Lehrern alle sonstigen Voraussetzungen dafür. Als Physiker wäre er aber nur hinter einem Uni-Schreibtisch versauert, meint Ferdinand de Cassan - und er wollte es aber immer schon ãmit den Leuten zu tun haben, mit ihnen Kontakt haben”. Also entschied er sich doch fürs Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Entsprechend nüchtern fällt auch seine Analyse aus, was den Aufwand eines ãMister Spiels” in Österreich angeht: ãAndere brauchen ein bis zwei Stunden zur Arbeit - ich habe einen großen Vorteil: Ich gehe zwei Minuten.”

Auf diese Weise Zeit gespart und mit einem unterdurchschnittlichen Schlafbedürfnis ausgestattet, bleibe ihm die Möglichkeit, seine Talente umzusetzen. ãWeder bin ich ein Weltmeister im Spielen, der immer gewinnt, noch bin ich der Mensch, der fähig ist neue Spiele zu erfinden. Aber meine Fähigkeiten liegen darin zu organisieren: Dass manche Leute erkennen, was man ehrenamtlich machen könnte und ich es schaffe, dass sie es tun und dabei mit anderen zusammen arbeiten.” So sei es rund ums Österreichische Spielefest, den neuen österreichischen Spielepreis und, und, und. Die Liste der Aktivitäten, Vereine und Initiativen, die von dem Fuchs-und-Hase-gute-Nacht-Nest Leopoldsdorf ausgehen, ist ellenlang.

Ein Kreis von rund zehn spielebegeisterter Leuten sei es, der sich mehr oder weniger regelmäßig trifft. Bierernst geht es dabei ganz offensichtich nicht zu, denn ãviele dieser Ideen entstehen durch Blödeleien”, räumt Ferdinand de Cassan ein. Die Arbeit, das sei dann das Umsetzen, das Umsetzen aber auch der eigentliche Spaß an der Sache.

Andere 49-Jährige dürfen Dagmar de Cassan getrost um ihre Quirligkeit sowie um ihr phänomenales Gedächtnis beneiden. Mitglieder des Spielekreises Wien berichten beispielsweise, dass sie von Leuten, die nach Jahren wieder einmal hereinschneien, aus dem Stand die Telefonnummer parat hat. Bei Details zu Spielen - und seien sie auch schon längst nicht mehr im Verkehr - verhält es sich genau so.

Sollte einmal das ãwandelnde Lexikon” dennoch ad hoc nicht weiter wissen, greift Dagmar de Cassan zur Tastatur und befragt ihre Datenbank mit zig tausenden Einträgen. Die Kerndaten von rund 13.000 Spielen (!) stehen auf der Spieledatenbank im Internet für jedermann zur Verfügung. An Umfang und Qualität steht sie der bekannteren Web-Adresse von Luding in nichts nach.

Überhaupt: Das Internet hat die Ferdinand und Dagmar in den letzten Jahren zusätzliche Flügel verliehen. Nicht nur zur Imagepflege der verschiedensten Aktivitäten, sondern auch mit Nutzen für die Spieler, besonders für solche, die einmal nicht weiter wissen. So gibt es unter anderem einen Regelservice, eine Internetberatung anhand verschiedener Eingabekriterien oder die ãSpielregelshow”, in der via internet Regeln aktueller Spiele mit Bildern erklärt werden. Als Ableger davon stellen die beiden das Ganze seit wenigen Tagen für die kurze Spielepräsentation dem Fachhandel auf CD-ROM zur Vergügung.

Die beiden Kinder Philipp und Simone sind ebenfalls beteiligt. Philipp, der heuer maturiert, ist der Webmaster des vielfältigen Internet-Angebots made in Leopoldsdorf bei Wien. Die zwei Jahre jüngere Simone kümmert sich beim Spielefest und bei Spielemarathons draußen im Marchfeld um die Kinder der Gäste und sorgt so indirekt ãsehr lieb und ausdauernd” (Dagmar) für den Spielenachwuchs. Die große Überraschung ist eigentlich, dass zwei Kinder, die in einem derartig einmaligen Spielehaushalt aufwachsen, trotzdem noch gerne spielen. ãDas liegt daran,”, klärt die Mutter auf, ãdass wir sie nie in unser Universum hineinziehen wollten: Sie konnten mitmachen, wenn sie wollten, wir haben sie nie bedrängt.” Und wenn die Kinder einmal dem optischen Reiz einer Schachtel verfielen, das Alter aber noch nicht dem Spiel entsprach, dann wurde ihnen auch klar gemacht, ãdass sie es spielen können, sie aber auch akzeptieren müssen, dass sie verlieren.”

Jung oder Alt: Die de Cassans haben Unzählige zum Spielen gebracht oder sie bei der Stange gehalten. Aber Missionarisches will Dagmar de Cassan nicht erkennen. Schon das Wort stört sie, weil es auch Zwang beinhalte: ãEs können Ideen überzeugen, wenn sie gut genug sind - das reicht.” Auch wenn das Spielen und das Drumherum Ausmaße von Arbeit angenommen hat, ãden Spaß habe ich nach wie vor dabei.” Das liege ãan der Materie und sicher auch an den Leuten, die man dabei kennenlernt. Sehr viele Spieler haben einen ganz eigenen Humor.” Für sie zeichne sich der typische Spieler an vorderster Stelle ãdurch eine große Portion Neugier und eine mindestens so große Portion Toleranz aus - eine Bereitschaft, sich mit neuen Menschen und neuen Dingen auseinanderzusetzen.”

Auch Ferdinand de Cassan bestreitet, ein Missionar zu sein: ãJeder versucht seine Freizeit zu organisieren. Ich spiele ungemein gern.” Und er freut sich, dieses Hobby mit so vielen Leuten zu teilen: ãEs ist ganz selbstverständlich geworden, dass Leute spielen. Wir (gemeint sind alle Spieler, Anm.) sind sehr weit gekommen: Wenn man heute über Spielen redet, dann wissen die Leute worum es geht und die meisten kennen auch selbst einige Spiele.” Da brauche man nicht mehr viel zu missionieren. Das Problem sei doch vielmehr der Wettbewerb zwischen den vielen Freizeitangeboten. Den Startnachteil des Brettspiels sieht Ferdinand de Cassan, ãdass man nur durch Vorbildwirkung die Leute motivieren kann mitzumachen”.

Wie war’s bei ihm? Eine glückliche Fügung, könne man sagen. Der Vater des kleinen Ferdinand und der damalige Bundesgremialvorstehers des österreichischen Spielwarenhandels seien enge Freunde gewesen: ãWenn man an der Quelle sitzt, hat man die Chancen gehabt”, erzählt de Cassan. Chancen auf ausgefallene Spielsachen und Spiele, die es Ende der 50-er und anfangs der 60-er ja bei weitem nicht in diesem Umfang gegeben hat. So wurde der Kleine praktisch vom Virus gepackt. Das manifestierende Ereignis schließlich ãwar Mitte der 70-er-Jahre meine erste Reise nach London. Da ga es eine Zeitschrift ,Games & Puzzles’, die über Spiele berichtet hat und da hat man noch nach England fahren müssen, um sich die guten Spiele zu holen. Heute ist es umgekehrt, heute fahren die Engländer nach Deutschland.”

Es ist schwer auszumachen, wer von den Eheleuten de Cassan der ãKopf” der Familienunternehmung ãSpielen in Österreich” ist. Ferdinand und Dagmar de Cassan sind ein kongeniales Paar, wenn es ums Hervorbringen neuer Spielerservices oder Ideen für die österreichische Spielebranche geht. Sie sind in diesem Bereich ãMacher”. Das macht sie auch nicht immer einfach: Sind sie von etwas überzeugt, dann wird es durchgezogen. So war es etwa, als zu Beginn der 90-er-Jahre die Neuorientierung und die Zukunft des Österreichischen Spielefests anstand. Darüber schieden sich bei Ferdinand de Cassan und Roberto Talotta als deren ãVäter” die Geister eklatant.

Ferdinand ist der Kommunikator nach außen. Vor dem Telefon hat er keinerlei Berührungsängste - und sei es manchmal auch zu ungewöhnlichen Tageszeiten. Einer seiner Standard-Sager lautet dann: ãWeißt du, ich will die Leute überzeugen, dass ...”. Obmann der IG Spiele - das ist der Trägerverein des Österreichischen Spielefestes, in dem die Verlagsgewaltigen und Importeure formal die nächsten Stufen der Vereinshierarchie belegen - ist die angeborene Rolle für Ferdinand de Cassan: Er ist ãMister Spielefest” und beherrscht den Spagat zwischen Kulturgut und Kommerz. Dazu gehört, wenn immer angebracht, der väterliche der Blick über den Brillenrand in die Kameras der Fotografen und Fernsehteams.

Das Abgelichtetwerden ist etwas, das Dagmar de Cassan überhaupt nicht liegt. Kamerascheu ist noch zu tief gestapelt. 2001 musste es die Vorsitzende der Weiner Spiele-Akademie denn trotzdem über sich ergehen lassen, einmal bei der Bekanntgabe der ãSpielehits? im nobeln Hotel Sacher, einmal bei der Verleihung der Urkunden am Vorabend des Spielefests. Sie hat’s insgeheim genossen, schenkt man den Blicken Glauben. Aber nur der Sache wegen, wird sie beteuern.

Die de Cassans leben also fürs Spiel. Doch wovon leben sie? Dagmar de Cassan ist Geschäftsführerin in der Firma ihrer Eltern, die Sonderaufbauten für Lkw herstellt. Für Ferdinand de Cassan war das Wirtschaftsstudium die gute Basis, später den Gartenbaubetrieb mit der größten Rosenzucht Österreichs zu übernehmen. Die Preise für heimische Rosen sind zwar im Keller, denn heute überschwemmen aus dem Osten Blumen zum Spotpreis den Markt. Reihum warfen Konkurrenten, pardon: Mitbewerber das Handtuch. Früher sei es eine Million Rosen gewesen, die die Firma produziert habe, heute wären es viel weniger. Mit seinem trockenen Humor fügt er hinzu: ãAber es besteht die Gefahr, dass wir immer noch die Größten sind.” Der Trend zur ãNatur aus zweiter Hand”, also ein gepflegter Garten, speziell mit ãnatürlichem” Teich oder Schwimmbad, habe die Rosenzucht-Baisse kompensieren können.

Ach ja, kennengelernt haben sich die beiden Preisträger - wo sonst - in einem Verein, wo gespielt wurde. Zum Spiel selbst gekommen ist Dagmar de Cassan während ihres Studiums der technischen Chemie (Biochemie) in Graz. Gespielt wurde damals aber Untypisches wie klassisches Familienspiel. Die persönliche Vorliebe zu komplexen Eisenbahnspielen entwickelte sich viel später. Und Ferdinand spricht nur von der Befriedigung durch ãdie Interaktion mit Leuten” und ãvom Glück, viele Leute gefunden zu haben, von denen man weiß, dass sie ehrlich spielen.” Denn nur so mache das spielerische Kräftemessen auf Dauer wirklich Spaß.

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