Die neuen Kartenspiele
Früher "Werk des Teufels", später der Oberschicht vorbehalten. In schweren Zeiten billiges Vergnügen für das Volk. Jahrzehntelang links liegengelassen, sind Karten wieder "in".
Aus Die Spielwiese 2/89 (1989)
Von zwei bemerkenswerten Neuerscheinungen an Kartenspielen ist hier die Rede: Der Ausreisser von F.X. Schmid und Jet Set von Piatnik. Beide Spiele eignen sich nicht nur hervorragend für ein paar schnelle Partien zwischendurch, sondern sind durch ihren hohen Spielreiz in der Lage, eine Kartenrunde auch über einen längeren Zeitraum bei Laune zu halten.
"Die Favoriten strampeln ums gelbe Trikot...", beginnt das Regelheft des "Ausreissers". Als Der Favorit werden dieses Spiel vielleicht einige noch in Erinnerung haben. Unter diesem Titel erschien es vor Jahren schon einmal beim F.X. Schmid, und wurde nun überarbeitet und neu aufgelegt.
Nun haben es "Sportspiele" an sich, Ladenhüter zu werden. Bei diesem simulierten Radrennen ist dies sicher nicht der Fall (dafür garantiert schon die Aufnahme in die "Bestenliste 1989"). Der ausgeloste Startspieler ist der erste Ausreisser, d.h. er trägt das gelbe Trikot, was ein gelber Holzstein vor ihm signalisiert, und gibt das Tempo vor. Zur Auswahl stehen Geschwindigkeitskarten mit Werten zwischen 39 und 50 km/h. Sechs Karten hat jeder Spieler auf der Hand, eine siebte wird zum Beginn des Spielzugs vom verdeckten Stapel in der Tischmitte aufgenommen. Der Ausreisser entscheidet sich für eine und legt sie offen vor ihm ab. Solange die nachfolgenden Spieler eine Karte ablegen, die maximal zwei km/h unter der des Ausreissers zeigt (sie sozusagen im Windschatten mithalten), passiert gar nichts. Aber das ist ja nicht Zweck der Übung.
Spielt ein Gegner eine Karte aus, die mindestens drei km/h unter der Vorgabe liegt, gibt es Strafminuten. Zur Übersicht gibt es für jede Strafminute einen Spielchip. Natürlich wäre einem das gelbe Trikot lieber. Um es dem Ausreisser abzujagen, sind zwei Voraussetzungen notwendig: man spielt eine Karte aus, die mehr Stundenkilometer als die des Trikotträgers zeigt, und man darf selbst keine Strafminuten auf dem Konto haben! Hat man in diesem Fall welche, können sie abgebaut werden: Pro km/h mehr als der Ausreisser ein Chip.
Bis hierher wäre dieses Radrennen mehr oder weniger fad. Für Tücken sorgen deshalb Sonderkarten. Eine Spurtkarte erhöht die eigene Geschwindigkeit um zwei km/h, eine Gegenwindkarte reduziert sie um zwei. Am meisten beeinflußt wird das Spiel jedoch durch die Steigungskarte. Dann herrscht nämlich für eine Runde Überholverbot, dem Ausreisser kann das gelbe Trikot nicht abgeluchst werden, selbst wenn er nur Tempo 39 fährt und ein anderer mit 50. Außerdem entfällt die Windschattenregel.
Ist der Stapel aufgebraucht, endet eine Etappe. Der Träger des gelben Trikots erhält eine Minute gutgeschrieben und beginnt die nächste Etappe. Wer nach Abschluß einer vorher vereinbarten Anzahl Etappen die wenigsten Strafminuten hat, ist Sieger.
Eine Regel stellte sich in den Spielwiese-Testrunden als besonders heimtückisch heraus: Wer vergißt, seine Kartensatz zu ergänzen, bevor der nächste Spieler an der Reihe ist, darf keine nachziehen! Mit nur noch fünf oder vier Karten auf der Hand, ist man dem Glück und dem Ausreisser vollends ausgeliefert!
Jet Set
Auch Jet Set gehört in die Kategorie von Mau-Mau oder UNO, stellt aber wieder eine ganz andere Variante vom ewigen Spiel dar, möglichst ohne Minus auszusteigen. Bei Jet Set von Erna Schöckl kommt es auf die Kombination von Farbe(n) und Wert der Karten an. Die dargestellten Taxis, Schiffchen und Flugzeuge sind zwar hübsch, aber im Grunde nur modern designtes Beiwerk (jedes Fahrzeug entspricht einem Kartenwert: 1, 2, 4, 8 und 16). Der Startspieler legt eine seiner neun Karten, die er erhalten hat, ab und beginnt damit eine "Reise". Der nächste in der Reihe kann nur eine Karte ablegen, wenn sie
- den halben oder doppelten Wert trägt und
- mindestens ein Farbkästchen mit der vorher ausgespielten gemeinsam hat. Die Farbkästchen in der Kartenecke (grün, gelb, rot und blau) sind unterschiedlich verteilt – eine Karte hat nur eines, eine andere zwei oder drei, was ungleich mehr Möglichkeiten zuläßt.
Irgendwann kommt einer der Spieler auf die Idee, die "Reise" mit einer Stopkarte abzubrechen. Der nächste muß nun vor sich auf dem Tisch eine neue "Reise" beginnen. Jetzt wird es für ihn gefährlich! Denn nun wird bei ihm abgelegt. Er braucht eine passende Stopkarte, um "seine" Tour abzubrechen. Wird ein Spieler keine seiner Karten bei anderen los, muß er eine neuerliche "Reise" antreten.
Abgerechnet wird, wenn alle Karten abgelegt sind, folgendermaßen: Die Anzahl der eigenen "Reisen" wird mit der Anzahl jener Karten multipliziert, die als offene(r) Stapel vor einem liegen, d.h. durch keine Stopkarte als "abgeschlossene Reise" gelten. Das Regelheft schlägt ein Spielende bei Erreichen von 25 Minuspunkten vor. Im Spielwiese-Test haben sich 50 und 100 besser bewährt, weil bei längerer Spieldauer Spielglück und -pech gerechter verteilt sind.
Spielwiese-Test 48: Der Ausreisser
Die Angaben beziehen sich auf die F.X. Schmid-Ausgabe von 1989. Damals hatte die Spielwiese noch keine Punktewertung
- Autor: Pierre Jacquot
- Verlag: F.X. Schmid (1989)
- Art des Spiels: taktisches Kartenablege-Spiel, Mitbringspiel
- Zielgruppe: Familien, gemütliche Runden von Freunden
- Spieleranzahl: 2 bis 6
- Alter: ab 8 Jahre
- Spieldauer: ca. 60 Minuten bei 4 "Etappen"
- Verpackung: typische Mitbringspiel-Schachtel
- Spielmaterial: witzige Zeichnungen von Michael Ryba
- Spielanleitung: Ausführlichkeit dürfte manche abschrecken
- Anspruch: ein bißchen Kopfrechnen einzige sportliche Note
- Glücksanteil: Glück gehört, wie bei fast jedem Kartenspiel, dazu
- Ca.-Preis: öS 150,-
Rund ums Spiel
- Der Autor war bei der F.X. Schmid-Ausgabe noch gar nicht angeführt
- Nachdem der Verlag pleite ging, blieb das Spiel vorerst in der Versenkung und wurde erst 2004 von Pro Ludo (dem indirekten Vorgänger von Asmodee Deutschland) wieder neu aufgelegt (Bild rechts)
Auszeichnungen
- Auswahlliste 1989
Spielwiese-Test 49: Jet Set
Die Angaben beziehen sich auf 1989. Damals hatte die Spielwiese noch keine Punktewertung
- Autor: Erna Schöckl
- Verlag: Piatnik
- Art des Spiels: taktisches Kartenablege-Spiel aus der "Hit-Serie"
- Zielgruppe: Familien, Freundeskreis
- Spieleranzahl: 2 bis 4, zu zweit ziemlich fad!
- Alter: ab 8 Jahre
- Spieldauer: 4 Spieler/25 Punkte 15 Minuten; 3/100 bis 60 Minuten
- Verpackung: Kurzbeschreibung recht gut gelungen
- Spielmaterial: Im "Zeitgeist" gestylte Karten; Farbkästchen schlecht unterscheidbar
- Spielanleitung: Schwachpunkt; lieblos und verbesserungswürdig
- Anspruch: wesentlich einfacher als die Spielregel vorgibt
- Glücksanteil: relativ hoch
- Ca.-Preis: öS 98,-

