16. November 2015
Ein verfahrener Karren
ARNO
MILLER
Die Hintergründe warum die weltweit größte verkaufsfreie Spieleveranstaltung doch nicht im Desaster endete und Veranstalter Ferdinand de Cassan sein Lebenswerk riskiert.
Die einzige gute Nachricht: Das österreichische Spielefest in Wien fand doch statt und wurde allen Unkenrufen zum Trotz doch ein Erfolg. Lassen wir das anfangs einmal so stehen.
Ferdinand de Cassan ist kein einfacher Mensch. Weder vermag ich die Zahl ehemaliger Weggefährten zu benennen noch die Anzahl der Phobien rund um das österreichische Spielefest abzuschätzen, mit denen er allein mich im Lauf der letzten 30 Jahre konfrontiert hat.
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«Kein Besucher wusste, dass er dieses Mal in einigen riesigen Keller gelotst wird. Dort hat’s nicht allen gefallen. |
Sicher, Österreichs größte und wichtigste Spieleveranstaltung jedes Jahr über die Bühne zu bringen, ist eine nervenaufreibende Sache und vom im Hintergrund tobenden Jahrmarkt der Eitelkeiten soll das Publikum nach Möglichkeit nichts bemerken. Es will einfach nur spielen.
Und ja, wer einsteckt, der darf auch mal austeilen.
Alles eine Frage von Maß und Ziel. Dieses Jahr ist einiges aus dem Ruder gelaufen. Tatsächlich steht die Zukunft des Spielefests in den Sternen. Den oder die potenziellen Totengräber konkret zu benennen, ist schwierig. Es gib zu viele Frontverläufe. Zwei entscheidende Sätze zur Faktenlage.
Erstens: Das Spielefest in Wien ist die einzige große Spieleveranstaltung im deutschsprachigen Raum, bei der keine Spiele verkauft werden. An diesem Grundkonzept würde über 30 Jahre lang festgehalten. Inzwischen gibt es diese blöde Internet. Spötter bezeichnen das Spielefest daher auch als riesige Amazon-Veranstaltung. Man schaut sich im Austria Center um, probiert es dort aus, und bestellt’s im Internet.
Zweitens: Die Veranstaltung kostet richtig viel Geld. Die Miete des Austria Centers ist kein Schnäppchen. Das Geld bringen vor allem die Aussteller auf, die für ihre Stände bezahlen, direkt aber keinen finanziellen Nutzen daraus ziehen können.
Die angedachte Lösung klang vernünftig
Auf Dauer ist diese Kombination tödlich. Ausgerechnet der eigentliche Profiteur des Spielefests, der ortsansässige Spielwarenhandel, negiert die Zeichen der Zeit und gibt sich widerborstig. Er konnte sich bisher bequem zurücklehnen, denn die teure Werbung hatten ja andere, Veranstalter und Verlage, für ihn übernommen. Die Kunden kamen automatisch, aber immer weniger. Siehe Internet.
Die angedachte Lösung, dieses Schlamassel für alle Beteiligten abzufedern, klang vernünftig. Grob geschildert: Der Veranstalter wirft alte Prinzipien über Bord, Verlage und stationärer Handel tun sich irgendwie zusammen und verkaufen am Spielefest gemeinsam Spiele.
Aber hallo! So einfach ist das nicht in Österreich, wo der älteste Bewohner den Namen Neid trägt. Es ging über Monate richtig zur Sache. Heute Zusagen, morgen Absagen, Boykottandrohungen, Spiele von bestimmten Verlagen aus dem Sortiment zu nehmen, Schuldzuweisungen, erpresserische Mails und Briefe.
Unbeteiligte – keine.
Soweit die Entwicklung in Zeitraffer. Dass der Wiener Spielefachhandel kein einziges Plakat fürs Spielefest aufhängte, ist bezeichnend dafür, wie verfahren der Karren ist.
Zurück zu Ferdinand de Cassan als Dreh- und Angelpunkt. Er veranstaltet das Spielefest schon seit einigen Jahren auf eigene Rechnung, trägt also auch das finanzielle Risiko (früher einmal waren auch die Verlage mit im Boot). Seine diesjährige Phobie war nicht völlig unbegründet, als ruchbar wurde, die Wiener Messe werde just zum Spielefest-Wochenende eine große Comic- und Game-Messe veranstalten. Zuerst sagte de Cassan das Spielefest ab. Dann zog er es eine Woche vor. Da das Austria Center aber belegt war, musste das Spielefest in den Keller des Nebengebäude umziehen. Den Ausstellern, also den geldbringenden Spieleverlagen, wurde – spät – eine Art Publikumssackgasse im Obergeschoss zugewiesen. Mittlerweile war der Krieg um die Glaubensfrage Verkaufen oder Nicht-Verkaufen in vollem Gang.
2016 vor dem gleichen Dilemma
Am vergangenen Wochenende kamen, nach Veranstalterangaben, wieder 60.000 Besucher. Das sollte nicht über die Gefahr hinwegtäuschen, dass sie im nächsten Jahr zuhause bleiben. Kein Besucher wusste, dass er dieses Mal in einigen riesigen Keller gelotst wird. Dort hat’s nicht allen gefallen.
Für 2016 steht de Cassan vor dem gleichen Dilemma: Die Comic- und Game-Messe ist – wohl kein Zufall – wieder auf den Spielefest-Termin angesetzt. Bis dorthin werden Tag für Tag weitere Spielekäufer ins Internet abgewandert sein.
Spielfest 2016 ja oder nein? Nur, wenn es „Frieden zwischen Verlagen und Händlern“ gibt, weicht de Cassan momentan einer konkreten Antwort aus und gibt den Ball weiter.
Er spielt also auf Zeit, gießt aber gleichzeitig Öl ins Feuer. Zum Einen wartet er ab, ob die Angst vor der Comic- und Game-Messe tatsächlich gerechtfertigt ist. Zum Anderen ist er wild entschlossen, im Sommer 2016 eine neue Spieleveranstaltung aus der Taufe zu heben und dort selbst Spiele zu verkaufen. Den Gewerbeschein hat er schon.
Ferdinand de Cassan beging gestern seinen 66. Geburtstag. Das ist ein Anlass, sein Lebenswerk neu zu ordnen. Vielleicht wäre ihm Gery Keszler kein schlechtes Vorbild. Der Veranstalter des Wiener Life Balls lässt diesen weit bedeutenderen Event nächstes Jahr ausfallen, um ihn neu zu erfinden.
Eine Pausetaste bedeutet nicht das Ende. Das Aus des Spielefests wäre freilich ein großer Verlust. Für die Spielenden, für die Verlage und für den Handel.
Was denkst du darüber?
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