14. FEBRUAR 2015
Die Abgründe des Spielers
-------------------------------------------------- ARNO
MILLER --------------------------------------------------
Spielen kann unheimlich lustig sein. Ein Spiel kann auch zur todernsten Angelegenheit werden. Beide Extreme und die viele Nuancen dazwischen waren immer schon Teil der Literatur. Ein neues Sammelwerk lädt zum Streifzug durch die Spielarten der menschlichen Seele ein. Eine Empfehlung von Herzen.
Es gibt unendlich viele Möglichkeiten zu spielen. Damit meine ich nicht nur die Regelspiele, also die vielen tausend verschiedenen Brett- und Kartenspiele. Menschen spielen Musik, Menschen spielen mit ihrem Schicksal, Menschen spielen miteinander, spielen einander aus. Die Liste der Spielarten ist lang.
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«Die Lektüre macht – im Gegensatz zum Film – klar, warum James Bond beim Kartenspiel Kopf und Kragen riskiert. |
Ich habe in den vergangenen Wochen ein kleines, feines Buch als Nachtlektüre genossen, das auf besondere Art tief ins Innere von Menschen blicken lässt. Nämlich in Situationen, in denen der Mensch Spieler ist. „Das Lesebuch der Spieler“, im Herbst bei Grubbe erschienen, ist eine Anthologie an literarischen Texten. Oder, wie es der Untertitel benennt, eine Sammlung 30 literarischer Spielszenen.
Natürlich darf ein Auszug aus Dostojewskis „Der Spieler“ – nach wie vor beklemmend – nicht fehlen. Viel überraschender, verblüffender und auch lehrreicher ist der Großteil der übrigen Texte, die Stefan Wilfert als Herausgeber ausgewählt hat. Wenn, zum Beispiel, bei Edgar Allan Poe ein Schuljunge sich beim Murmelspiel die Wahrscheinlichkeitsrechnung als Strategie zunutze macht und seine Mitschüler überlistet. Wenn Jules Verne in „Testament eines Exzentrikers“ die Gier gestandener Männer vorführt und sie in einem realen Gänsespiel durch halb Amerika jagen lässt. Der Leser taucht in Ian Flemings „Casino Royal“ ein und begreift – im Gegensatz zum Film – erst durch die Lektüre, was James Bond an Baccarat fasziniert und weshalb er für dieses Spiel bereit ist, Kopf und Kragen zu riskieren.
Oder: Wer Poker nie verstanden hat, vor allem nicht seine psychologische Tiefe, wird nach den Auszügen aus Werken von Adam Fawer und Wolf Wondratschek erahnen, warum so viele Menschen diesem an sich simplen Kartenspiel so verfallen.
Stefan Wilfert, Jugendkrimi-Autor und sachkundiger Spielbegeisterter, gelingt es mit seinen Überleitungen nicht nur, das Wesen bekannter Spiele prägnant auf den Punkt zu bringen, sondern auch Verbindungen und Parallelen zwischen verschiedenen Spielen herzustellen. Er erklärt dabei gleichzeitig sehr kurzweilig, warum der Mensch bei seinem Handeln immer auch ein homo ludens ist.
Er schreibt völlig zurecht, dass lange bevor sich die Wissenschaft mit Spieltheorie beschäftigte und menschliches Verhalten durch Spielsituationen erforschte, Dichter und Schriftsteller die Spitzen und Abgründe unserer Seele seziert haben. „Das Lesebuch der Spieler“ ist ein profunder Beleg.
Ein wunderbares Buch, für dessen Lektüre man kein Spielefan sein muss. Es schadet aber keineswegs, die von 30 Autoren geschilderte Leidenschaft aus eigener Erfahrung nachvollziehen zu können. Wilferts Auswahl und Kommentare lassen auch für Unsereins noch viel zu entdecken.
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Stefan Wildert (Hrsg.): "Das Lesebuch der Spieler", Grubbe Media, München2014; gebunden, 192 Seiten; ISBN: 978-3942194174, € 17, 95
Die Spielwiese dankt der Grubbe Media GmbH für die Zurverfügungstellung des Rezensionsexemplar.

