Essen. Spielemesse. Tag 4. Was einem so ein- und auffällt.
16. OKTOBER 2016
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Achte mal auf dem Bild auf den linken Rand der Schachtel. Unter den Piktogrammen über Spieleranzahl etc. findet sich auch ein Balken „Kenner". Pegasus bzw. Eggertspiele weisen bei ihren Neuheiten als Erste explizit mit einem Schlagwort auf die Zielgruppe hin. Hier bei der Kartenspiel-Adaption des Graf Ludo-Gewinners von 2014 Glück auf. Der Hinweis „Kenner" findet sich auch auf der Neuheit Jorvik, während es bei Camel up – Cards und anderen „Familie" heißt.
Noch hat Pegasus die Kennzeichnung nicht konsequent durchgezogen, das wird allerdings wohl nur eine Frage der Zeit sein, ebenso, dass andere Verlage nachziehen.
Ich finde, es ist ein erfreuliches Zeichen. Langsam setzt sich der Begriff Kennerspiel durch und löst hoffentlich in Bälde die unsäglich falsche Bezeichnung „Vielspieler" ab. Der Jury Spiel des Jahres sei Dank: Vor fünf Jahren hatte sie mit dem „Kennerspiel des Jahres" eine neue Auszeichnung für komplexere Spiele aufgemacht hat und dafür einen treffenden Begriff gefunden. Mit Kennerspieler und Vielspieler ist ja das Gleiche gemeint, nur: die Pensionisten in Castrop-Rauxel, die regelmäßig Yatzhee spielen, sind zwar Vielspieler, aber keineswegs Kennerspieler.
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Nach dem Messetrubel treffen sich Autoren, Grafiker und andere Protagonisten abends bei Bier, Wein und hoffentlich gutem Essen verlagsübergreifend in diversen Essener Lokalen. Weil die Spieleszene familiäre Züge trägt, wird einander ungeschminkt berichtet, was so auf der Messe läuft. Die den Messebesuchern angebotenen Autogrammstunden empfinden jene, die sich Spiele ausdenken oder sie gestalten, immer häufiger als Zeitverschwendung. „Heute kamen gezählte zwei Leute und wollten ein Autogramm. Ich weiß nicht, warum die Verlage immer noch daran hängen", fragt sich ein Autor. Die anderen in der Runde teilen die Erfahrung und nicken beipflichtend. Dabei ist besagter Autor nicht einmal unbekannt, sondern durch mehrere prämierte Spiele eine Art Star.
Vielleicht sollte man die zuständigen Messe- und Marketingmenschen bei den Spieleverlagen mal fragen: Hand aufs Herz, würdest du dir ein Autogramm holen?
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Wandelt man durch die Hallen der Spielemesse, sehen nach einiger Zeit immer mehr Spiele gleich aus. Es wäre ja auch ein Wunder, hätten 1200 Neuheiten 1200 völlig unterschiedliche Spieleideen. Verblüfft und doch etwas verwirrt steht der Endverbraucher dann jedoch am Stand von Huch, Pegasus und Zoch und sieht drei Mal Behälter aus dem Chemieunerricht mit farbigen Teilen drin, die so lange (um-)geschüttet werden sollen, bis die Verteilung den Vorgaben auf Aufgabenkarten entspricht.
Sind Prof. Marbles (Huch) und Dr. Eureka (Pegasus) das gleiche Spiel wie das schon zuvor erschienene Nitro Glyxerol (Zoch)? Dem Prinzip nach schon, aber dann doch nicht ganz. Bei Prof. Marbles steht der Lösungsweg im Vordergrund, mit 50 Aufgaben ist es denn mehr Denksport für einen Spieler und läuft deshalb in der Reihe Logicus. Bei Dr. Eureka spielen hingegen mehrere gegeneinander auf Zeit – wer verteilt seine Kugeln als Erster wie vorgegeben auf drei Reagenzgläser? Und bei Nitro Glyxerol gibt es statt Glaszylindern einen Kolben und statt Kugeln bunte Rezeptur-Vierecke, die in die richtige Reihenfolge bugsiert werden müssen – das ist dann mehr eine Frage der Geschicklichkeit.
Dieses Beispiel zeigt sehr schön auf, wie unterschiedlich eine Grundidee ausgestaltet werden kann. Dass innerhalb kurzer Zeit gleich drei sehr ähnliche Spiele auf den Markt kommen, ist allerdings eher selten.
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Hiermit finden die Impressionen von der „Spiel '16" fürs Erste einmal ihr Ende. In der kommenden Woche beleuchte ich im nächsten Blog noch ausführlich die Neuheitentrends des mit Essen abgeschlossenen Jahrganges 2016.
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Zu guter Letzt aber noch eine mehr gesellschaftspolitisches Schlaglichz auf die Welt, die immer komplizierter wird – eine kleine Geschichte und wie sie mit einer zunächst unscheinbaren Veränderung auf der Spielemesse zusammenhängt. Wir haben gute Freunde in Amerika, deren Tochter besucht jeden Sommer ein Sprachencamp in Deutschland. Jetzt ist sie 15 geworden und dieses Jahr reif für ein Ferialpraktikum. Dass der Job bezahlt ist, damit begann das Problem. Denn für die Entlohnung braucht es heute eine Bankverbindung. Als aber Mutter und Tochter dafür in Deutschland ein Konto eröffnen wollten und zum Identitätsnachweis den amerikanischen Pass vorlegten, geriet die Bankangestellte in Panik. Unmöglich! Geht nicht (mehr)!
Nun zur Spielemesse. Dort gab es bisher einen temporären Schalter der Sparkasse. Dort brachten die Verlage und Händler, die auf der Messe Spiele verkaufen, ihre Tageslosung hin. Den Sparkassen-Dienst gibt es dieses Jahr nicht mehr. Darf nicht mehr sein. Weil mit den neuen Vorschriften für die Banken (gerade durch Vereinbarungen zwischen EU und USA) stehen wir nun alle unter generellem Geldwäscheverdacht. Wie auch das junge Mädchen aus Amerika, das in Europa einfach nur bei einem Sommerjob seine Sprachkenntnisse verbessern will.
Ohne, aus Sicherheitsgründen, ins Detail zu gehen, haben die Aussteller andere Wege gefunden. Sie ärgern sich aber trotzdem und beklagen, wie an sich sinnvolle Regulierungen sich ungeahnt zu gröberen Hindernissen im Alltag auswachsen können. Das betrifft übrigens alle Messen mit diesem bisher klaglos funktionierenden Ausstellerservice.
Auch die Tochter unserer Freundin kam schließlich legal zu ihrem wohlverdienten Geld. Ein anderes Geldinstitut erbarmte sich ihrer. Dazu musste die Causa allerdings bis in den Vorstand der Bank (!) hochgereicht werden, um darüber zu entscheiden und Unbedenklichkeit – ging es doch immerhin um rund 400 Euro – zu bescheinigen.
Was denkst du darüber?
Leser sahen sich auch folgende Blog-Beiträge zur "Spiel '16" an:


