In Essen ist heute die "Spiel '16" als wichtiges Branchen- und Szeneevent gestartet. Als Gradmesser dafür, was draußen am Markt Erfolg haben wird, taugt sie immer weniger. Dieses Dilemma zeige ich anhand eines konkreten Spiels auf.

12. OKTOBER 2016
Chariot Race ist ein ansprechendes Familienspiel. Es hätte von seiner Spielidee und Gestaltung her vor noch zehn, fünfzehn Jahren für ein beherztes Wow! gesorgt. Heute kann niemand sagen, ob es dieses in Essen vorgestellte Siel in einem Jahr überhaupt noch geben wird.
Warum ich ausgerechnet dieses Spiel hervorhebe? An ihm lässt sich geradezu exemplarisch ein Dilemma der Branche darstellen, das auf der Spielemesse in Essen noch besoders verdichtet und wortwörtlich zur Schau gestellt ist: Es gibt zu viele Neuheiten und welche sich durchsetzen, welche Erfolg haben, hängt leider nicht mehr davon ab, ob ein Spiel gut oder schlecht ist.
|
In Essen erschlagen Masse und Eindrücke selbst fachkundige Besucher.
|
Der Messeveranstalter nennt über 1200 Neuheiten als Zahl. Messeveranstalter übertreiben gerne, wie andere Schausteller auch. Lassen wir’s an die tausend sein. Reicht ja auch schon. Denn welcher Messebesucher blickt da noch durch? Der sich sogar noch die Mühe macht, sich einen oder mehrere Tage in nerviges Getümmel zu stürzen, um möglichst viele dieser Neuheiten auszuprobieren oder erklären zu lassen!
Die Medien dürfen schon einen Tag vorher in die Hallen. Die Neuheitenschau der Spielemesse ist ein propagiertes "Best of" der Veranstaltung. Ich bin neugierig darauf, wie Chariot Race fixfertig aussieht, denn eine quasi Nahenderfahrung hatte ich schon: Drei Wochen vor Essen konnte ich das sichtbar an „Ben Hur“ angelehnte Pferdewagen-Wettrennen schon beim Verlag Pegasus spielen. Allerdings noch in einer Großversion für Promotionzwecke, da war die Ausgabe für den Handel noch in Produktion.
Und was ist?
Auch die Umsetzung im kleinereren Format, als ich kannte, hat hohen Aufforderungscharakter, das Schachtel-Cover wirkt. Also alles soweit gut. Doch ohne das Interesse durch die Nahenderfahrung des Schon-einmal-gespielt-habens wäre Chariot Race bei mir wahrscheinlich im Essener Neuheiten-Tsunami untergegangen. Das muss ich zugeben. Denn viele Spiele schauen genauso toll aus wie Chariot Race und viele andere sogar noch besser. Hinzu kommt: In Essen bieten die Verlage im Kampf um Aufmerksamkeit lebende Szenen für Fotografen, TV- und Video-Berichterstatter und das Publikum auf, da erschlagen Masse und Eindrücke selbst fachkundige Besucher. Ganz zu schweigen, was davor, parallel und nach der wichtigsten Spielemesse in Sozialen Netzwerken an Zinnober aufgeführt wird und Interesse und Kundenströme lenkt.
Kurzum: Wie die Überlebenschancen für ein Spiel stehen, hängt von immer mehr Faktoren ab. Sie sind für den Einzelnen genauso unübersichtlich geworden wie die schiere Flut an Neuheiten selbst. Die Wahrnehmungsgrenze ist jedenfalls längst überschritten.
Was denkst du darüber?

… ein ehrliches Spiel unter guten Freunden ein redlicher Zeitvertreib.